Montag, 19. Dezember 2016

Kindertransporte in Tel Aviv.

Die Doku "Züge ins Leben" wird ab 31. Jänner 2017 in der Sourasky Central Library der Universität Tel Aviv im Rahmen einer Ausstellung zur Vergangenheit der ÖBB zu sehen sein! Dazu wurde alles englisch untertitelt. Tolle Sache!

Sonntag, 18. Dezember 2016

Stefan Zweig und sein Freundeskreis.

Vor 135 Jahren wurde Stefan Zweig geboren, genau am 28. November 1881. Und im kommenden Feber werden es 75 Jahre seit seinem Selbstmord im brasilianischen Exil im Jahr 1942. Stefan Zweig, einer der wichtigsten österreichischen Schriftsteller, Stefan Zweig, der die Schachnovelle, Ungeduld des Herzens oder Die Welt von Gestern geschrieben hat. Stefan Zweig, der viele Jahre in Salzburg gelebt hat und sich dann - als einer der ersten - dazu entschieden hat, Österreich angesichts der Bedrohung durch die Nationalsozialisten zu verlassen. Schon zuvor war Zweig ein eifriger Briefschreiber, hatte Kontakt zu zahlreichen Personen des öffentlichen Lebens wie die erhalten gebliebene Korrespondenz zeigt. Die Adressen seiner Freunde und Bekannten, aber auch von Verlagen und Institutionen sammelte Stefan Zweig sein Leben lang. In der brasilianischen Stadt Petrópolis nahe Rio de Janeiro lag im Nachlass des Schriftstellers ein Adressbüchlein aus den letzten Lebensjahren des Autors. Vor zwei Jahren erschien es, herausgegeben vom brasilianischen Verein „Casa Stefan Zweig“, als kommentierte Buchausgabe in Brasilien, jetzt liegt es auf Deutsch vor.

Würde Stefan Zweig in der Gegenwart leben, dann wäre er sicherlich perfekt vernetzt, würde die Sozialen Medien nutzen, wäre auf Twitter und Facebook aktiv. Doch Stefan Zweig lebte in der Vergangenheit, in einer "Welt von Gestern", auch wenn er seine letzten Lebensmonate in einem Land der Zukunft verbrachte, in Brasilien.
"Stefan Zweig und Brasilien ist eine viel ältere Geschichte als die meisten Leute glauben. Das fing schon 1924 an mit dem großen Interesse von Stefan Zweig, belegt durch Briefe, an Südamerika überhaupt. 1928 schrieb er seinem argentinischen Übersetzer Alfredo Cahn, er wolle Argentinien und Brasilien besuchen. 1932 schließlich schrieb ihm Cahn, er habe jetzt alles bereit – er wollte sogar mit dem Zeppelin fliegen –, und wir alle wissen, was dann am 1. Januar 1933 passiert ist. Der Brasilienbesuch, die Brasilienreise, wurde dann verschoben auf 1936", sagt die brasilianische Journalistin und Übersetzerin Kristina Michahelles. Zweigs erster Besuch sorgte für Aufregung, bereits am Hafen von Rio de Janeiro wurde er vom damaligen Außenminister erwartet, wenige Tage später vom diktatorisch regierenden Präsidenten Getúlio Vargas empfangen. Stefan Zweig war begeistert von dem Land und kaufte wenige Jahre später ein Haus in Petrópolis, einem Ort im Hinterland der Metropole Rio de Janeiro. Heute fährt man mit dem Auto rund eine Stunde Richtung Norden, durchquert kilometerlang die Armenviertel der Stadt, schlängelt sich kurvenreiche Straßen hinauf auf eine Höhe von rund 850 Meter. Kristina Michahelles: "Stefan Zweig hat lieber in Salzburg auf dem Kapuzinerberg statt in Wien gewohnt, er hat lieber in Bath auf einem Hügel gewohnt als in London, er hat auch lieber in Petrópolis zurückgezogen gelebt, in dieser alten Kaiserstadt. Er wollte nicht in dem Getümmel leben, in Rio, das war ihm zu heiß, zu viele Leute. Er hat Petrópolis gewählt, weil es auch so ein bisschen österreichisch anmutete damals."

Seit 2012 ist das Haus ein Museum, oder besser: Ein Ort der Erinnerung, eine Gedenkstätte des Exils. Und in diesem Haus war nach dem Selbstmord des Ehepaars Zweig auch das letzte Adressbuch gefunden worden. In der Einleitung der deutschen Ausgabe heißt es:
Zitat: Mit englischer Beschriftung und etwas größer als das bisherige Adressbuch wurde das Telephone Book in England oder in New York unmittelbar nach ihrer dortigen Ankunft gekauft. Deutliche Anzeichen sprechen dafür, dass dies das „Adressbuch des Exils“ ist, erforderlich geworden durch den plötzlichen Adressenwechsel einer großen Zahl von Freunden, die gerade dem „Blitzkrieg“ der Nazis entkommen waren. 

Das Herz der Buchausgabe ist das Faksimile des Adressbuches in Originalgröße. Handschrift, Schreibfehler, Ausstreichungen und Zusatzangaben machen es zu etwas ganz Besonderem, sagt Werner Hanak-Lettner vom Jüdischen Museum Wien, wo die deutsche Ausgabe des Buches vorgestellt wurde: "Es ist natürlich faszinierend das Netzwerk zu begreifen, es ist beim Durchblättern auch sehr berührend, wenn man diese Namen, die man kennt, die man nicht kennt, [liest] und dann schaut man auf die Adresse, und da steht „Hotel Sowieso“ und „Hotel Sowieso“, und man stellt sich sofort die Frage, wie es den Leuten gegangen ist." Stefan Zweig engagierte sich immens für die Rettung seiner Freunde und Bekannten, die es nicht aus Europa heraus geschafft hatten: "Viele haben sich an ihn gewandt, weil er berühmt war und weil er zuerst in London, dann in New York, dann in Brasilien war. Und das hat ihm ja auch zugesetzt, dass Leute erhofft haben, er kann sie retten. Er wusste, er kann natürlich einzelnen Leuten helfen, aber er kann sie nicht alle retten. Er konnte nicht einmal sich selber retten."

Von 1919 bis 1934 verlebte der Schriftsteller gemeinsam mit seiner ersten Frau Friderike Maria arbeitsreiche Jahre in Salzburg. Vom Gebäude des Stefan Zweig Centers in der Edmundsburg am Mönchsberg könnte man die, auf der anderen Salzachseite auf dem Kapuzinerberg gelegene Zweig-Villa, das Paschinger Schlössl, sehen, stünde nicht das Kapuzinerkloster dazwischen. Klemens Renoldner ist Leiter des Stefan Zweig Centers. Ihn interessieren neben den vielen, die in diesem Adressbüchlein aufgelistet wurden, aber auch jene, die nicht vorkommen, die verloren gegangen sind auf der Reise ins Exil. Die Auslassungen und Lücken. Es fehlt etwa der französische Literaturnobelpreisträger Romain Rolland, dessen politische Ansichten Zweig in seinen letzten Jahren ablehnte. "Diese Figur war im Leben von Zweig so wichtig: Dass er auch nach dieser politischen Entzweiung quasi mit diesem Menschen nichts mehr zu tun haben wollte, davon kann man nicht ausgehen. Diese Adresse, wo Rolland zuletzt gelebt hat, in Vézleay, die ist sehr einfach zu merken. Also vielleicht bedeutet das auch nichts Tieferes", meint Klemens Renoldner. Andere Namen scheinen aber bewusst nicht oder nicht mehr auf. "Hans Carossa, ein Autor, den er außerordentlich geschätzt hat, über den er mehrfach publiziert hat, der hat natürlich durch seine Zuwendung zu den Nationalsozialisten tatsächlich nichts mehr verloren in diesem Adressbuch. Das Gleiche trifft auch – interessant – auf Joseph Gregor zu, hier in Wien. Und eine Figur, die nicht vorkommt, ist Thomas Mann. Also es ist der Name eingetragen, es fehlt die Adresse. Dazu muss man wissen, dass die Beziehung zwischen Thomas Mann und Stefan Zweig nicht so eng war, das war eine sehr höfliche, gegenseitig respektierte Beziehung, aber das war keine Freundschaft."

Im dritten Teil des Buches finden sich die Biografien fast aller im Faksimile zu lesenden Namen. Auch Zweigs Köchin und sein Zahnarzt wurden eingetragen. Stefan Zweig und sein Freundeskreis - sein letztes Adressbuch aus den Jahren 1940 bis 1942 ist damit ein Zeitdokument der speziellen Art.
Zitat: Der Beginn der Aufzeichnungen für die Autobiografie liegt in zeitlicher Nähe zu den ersten Eintragungen im Telephone Book. Als Brüder, nicht als Zwillinge, nahmen sie beide im Jahr 1940 ihren Anfang, entstanden in derselben Bedrängnis und dem gleichen Gefühl eines unwiederbringlichen Verlusts. Mit unterschiedlichen Ebenen, Verfahren und Verwendungen sind sie Überbleibsel des Schiffbruchs der „Welt von gestern“. 
So schreibt einer der Herausgeber in der Einleitung.

Die Auswahl und die Lebenswege jener Freunde, die Zweig in seinen letzten Exiljahren in Brasilien begleitet haben, lassen auch auf den Schriftsteller selbst schließen, auf seine Abkehr von Europa und Hinwendung zur Neuen Welt. Ein  faszinierendes Nachschlagewerk als weiteres Puzzleteil des Lebens eines der wichtigsten österreichischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Info: Stefan Zweig und sein Freundeskreis - Sein letztes Adressbuch 1940-1942 ist bei Hentrich&Hentrich (Berlin 2016) erschienen, aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt wurde es von Stephan Krier.

Casa Stefan Zweig, Petrópolis Brasilien
Stefan Zweig Centre, Salzburg

Dienstag, 29. November 2016

Stefan Zweig im Jüdischen Museum.

Moderation der Buchpräsentation "Stefan Zweig und sein Freundeskreis. Sein letztes Adressbuch 1940-1942" im Jüdischen Museum. Volles Haus, tolle Gäste, ein spannendes Buch! (Copyright der Fotos: JMW/Sonja Bachmayer)

Samstag, 26. November 2016

Kindertransporte im Kino.

Immer wieder schön, die eigene Doku in toller Qualität und mit unkomprimiertem Sound in einem Kinosaal anzuschauen! Auch heuer wieder im Rahmen des Jüdischen Filmfestivals.

Freitag, 25. November 2016

Ungehorsam in Salzburg.

Ich zeige die Doku "Der ungehorsame Konsul" am Institut für Romanistik der Uni Salzburg. Schöne Projektion, interessierte Studenten!

Sonntag, 13. November 2016

Dienstag, 8. November 2016

Die Präsentation.

Pressepräsentation der Dokumentation "Züge ins Leben - Kindertransporte im Zweiten Weltkrieg" im Jüdischen Museum.
Stehend Stadtrat Michael Ludwig, Danielle Spera Direktorin JMW, ich, 
Peter Schöber ORF III-Chef, sitzend Hans Menasse, Dora Schimanko, Ari Rath.
Und hier auf der ORF/Unternehmen-Seite gibt es auch noch eine hübsche Zusammenfassung!

Samstag, 22. Oktober 2016

Züge ins Leben.

Unsere nächste Dokumentation geht auf Sendung. Und zwar am Samstag, den 12. November, um 20.15 Uhr auf ORF III .
Wiederholung am
13.11.2016, 09.55 Uhr
13.11.2016, 23.55 Uhr
14.11.2016, 14.10 Uhr

Wer nicht so gerne fernschaut, kann sich die Doku auch im Kino ansehen, am 26. November um 18.00 Uhr im Rahmen des Jüdischen Filmfestivals im De France in Wien (Eintritt 8,50 Euro).


Ein paar weiterführende und spannende Links:
Ausstellung "Für das Kind" in der Radetzkystraße, Wien 3.
"Vergiss nie, dass du ein jüdisches Kind bist", Buch von Anna Wexberg-Kubesch erschienen bei Mandelbaum.
Dokumentationsarchiv Österreichischer Widerstand
"Young Austria", ein Projekt von Sonja Frank.

Freitag, 23. September 2016

Erinnern 2.0 - Exilland Portugal

Eine spannende Tagung des Vereins Never.Forget.Why im Bezirksmuseum Neubau. Ich bin mit einer kleinen Ausstellung zum Thema Exil in Portugal dabei. Heute Abend zeige ich die Doku "Der ungehorsame Konsul".
Bilder aus den 1940er Jahren kombiniert mit literarischen Zitaten.

Señora Gerta – Wie eine Wiener Jüdin auf der Flucht nach Panama die Nazis austrickste.

Die hinreißende und einzigartige Geschichte der Wienerin Gerta Stern, die 1939 vor den Nazis nach Panama flüchtete. In fast genau einem Monat, am 24. Oktober, feiert sie ihren 101. Geburtstag. Aufgeschrieben hat diese Geschichte die Journalistin und Autorin Anne Siegel. Herausgekommen ist aber nicht nur die Lebensgeschichte einer beeindruckenden Frau, es ist die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts, mit all seinen Höhen und Tiefen. Uli Jürgens hat das Buch gelesen.

Gerta Stern ist 100 Jahre alt. Eine Frau, die in ihrem Leben so viel erlebt hat, dass es für eine ganze Großfamilie reichen würde. Ein Leben wie ein Panoptikum der Zeitgeschichte. In ihrem Vorwort schreibt die Autorin Anne Siegel:
Zitat: Gerta ist noch da. Sie und ihre Freundinnen, die noch immer feiern. Mittwochs beim Bridge und freitags beim Shabbes-Dinner und auch sonst, wenn sich die Gelegenheit ergibt und sie ihr Leben in tropischer Luft förmlich umarmen. Weil sie noch da sind, trotz allem, und weil es ganz selten passiert, dass Menschen aus dem Schleudergang, in den sie das Leben schickt, aufrechter als zuvor wieder hervortreten. So ein Mensch ist Gerta. Dies ist ihre Geschichte.

Gerta Stern wird am 24. Oktober 1915, also knapp ein Jahr nach Beginn des ersten Weltkrieges, als Gerta Lagodzinsky in ein Wien geboren, in dem noch der Kaiser regiert, in das Konglomerat Österreich-Ungarn - mit seinen 53 Millionen Einwohnern ein Vielvölkerstaat mit unzähligen unlösbaren Problemen. Die kleine Gerta ist nach dem Tod des ersten Kindes ihrer Eltern in deren Augen ein großes Wunder. Und als in Wien ein Ebenbild des amerikanischen Kinderstars Jackie Coogan, berühmt geworden als „The Kid“ an der Seite von Charlie Chaplin, gesucht wird, schlägt Gertas große Stunde.
Zitat: Gerta tanzt und singt bei der Vorstellung der Talentsucher. Sie kann Klavierspielen und hat bereits Ballettunterricht gehabt. Sie sieht Jackie, dem berühmten Vorbild aus dem fernen Amerika, nicht nur ungeheuer ähnlich, sie ist ebenfalls ein Naturtalent.
Gerta gewinnt den Wettbewerb, bekommt Schauspielunterricht. Für sie ist es ein Leichtes, sich lange Texte zu merken, sie liebt den Kontakt zu Menschen. Viele der Fertigkeiten, die sie im Kindesalter am Theater erlernt, werden ihr später von Vorteil sein und ihr im entscheidenden Moment das Leben retten. Theater und Musik werden sie ihr ganzes Leben begleiten, doch als der geliebte Vater viel zu früh stirbt, besteht die Mutter auf einer Ausbildung der Tochter zur Kosmetikerin. Gerta ist ein hübsches junges Mädchen, sogar der bereits international bekannte Hermann Leopoldi macht ihr den Hof. Doch Gerta entscheidet sich für Moses Stern, seines Zeichens Profifußballer beim jüdischen Sportverein Hakoah. Freundinnen hatten sie gewarnt, Fußballer seien keine gute Wahl, denn sie würden allzu gerne zwielichtige Bars besuchen, doch Moses lädt Gerta in die Oper ein und gewinnt ihr Herz.
Zitat: Auf meine Frage, warum Moses es ausgerechnet mit dieser Aktion schaffte, sich doch noch mit ihr zu verabreden, antwortet Gerta: „Ich wusste, wer in die Oper geht, kann kein schlechter Mensch sein!“
Geheiratet wird am 8. Oktober 1938, in einem Keller. Es ist nicht ungefährlich, als Jude auf Wiens Straßen unterwegs zu sein, das junge Paar hat daher bereits Pläne, nach Südafrika auszuwandern. Die Ereignisse überstürzen sich, Gerta und Moses reisen hastig nach Hamburg, dort sollen Visa für sie bereitliegen.
Zitat: Am Wiener Bahnhof herrscht Chaos. Braune Uniformen säumen die Gleise. Der Ton der Menschen ist inzwischen viel rauer. Viele, die ihr Wien so lieben, erkennen es kaum noch wieder und verlassen fluchtartig die Stadt, drücken sich jetzt in letzter Minute in die überfüllten Züge, die den Kopfbahnhof in alle Himmelsrichtungen verlassen.
Doch in Hamburg kommt alles ganz anders. Im Zuge der Novemberpogrome wird Moses verhaftet, nach Sachsenhausen verschleppt und gefoltert. Die Visa aus Südafrika sind nie angekommen, und Gerta klappert Botschaft um Botschaft ab, findet in einem Mitarbeiter einer Schifffahrtsgesellschaft einen wichtigen Verbündeten. Schließlich entscheidet sie, ins Gestapo-Hauptquartier zu gehen, um für die Freilassung ihres Mannes zu kämpfen.
Zitat: Gerta hat schon früh Sprechunterricht bekommen, und spricht das Hochdeutsch, das damals die Radiosprecher perfekt beherrschten, mit gerolltem „r“ an der richtigen Stelle, gekonntem Atemholen und perfekter Betonung. Davon ist in diesem Moment jedoch nichts zu merken. „Lossn´s mi eini!“, ruft sie dem Gestapo-Mann entgegen.

Was in Folge passiert, ist schier unglaublich und wird hier nicht verraten. Nur so viel: Gerta und Moses schaffen es nach Panama, etablieren sich dort, werden gar zu lokalen Berühmtheiten. Die Autorin Anne Siegel hat Gerta zufällig in Panama kennengelernt, bei der Recherche für eine andere Geschichte, die beiden Frauen stehen einander nah, das merkt man bei der Lektüre immer wieder. Und doch gelingt es der Autorin, sich nicht involvieren zu lassen. Immer wieder springt sie in der Zeit vom gestern ins heute, vergleicht die historischen Entwicklungen in Österreich, Deutschland und Panama, entführt die Leser in die Hamburger Reederei oder ins Hollywood der 1920er Jahre, um dann gekonnt wieder ins Leben von Gerta und Moses Stern zurückzukehren. Geschichte, Lebensart, Politik, Wirtschaft – 100 Jahre Weltgeschichte verpackt in das Leben einer Frau. Dieses Buch über die quicklebendige bald 101-jährige Gerta Stern ist in jeder Hinsicht ein Glücksfall.

Anne Siegel: Señora Gerta – Wie eine Wiener Jüdin auf der Flucht nach Panama die Nazis austrickste (Europaverlag, 2016)

Freitag, 26. August 2016

Die neue Odyssee.

Europa erlebt die größte Migrationswelle seit dem Zweiten Weltkrieg. Politik und Gesellschaft - egal welcher Ideologie - stehen vor immensen Herausforderungen, nutzen das Elend der Menschen aber auch für ihre jeweiligen Zwecke, Journalisten berichten, Fotos brennen sich in unser Gedächtnis ein. Sicherheitsfragen werden diskutiert, Integration bleibt eines der beherrschenden Schlagworte. Einen besonders detailreichen und intensiven Bericht hat nur Patrick Kingsley vorgelegt, 27-jähriger Migrationskorrespondent der linksliberalen englischen Zeitschrift „Guardian“. Er berichtet von Schleppern und Helfern, von Not und Hoffnung, von Grenzpatrouillen und illegalen Wegen. 

Es ist eine schlichte und ernüchternde Reportage, die der junge Journalist Patrick Kingsley hier vorlegt. Verzweiflung und Hoffnung, Empathie und Spannung sind dennoch stets spürbar. Viele Grenzen müssen überwunden werden - etwas, das für uns Europäer alltäglich ist, erweist sich für die Flüchtenden als unfassbar mühsam. Auch der Autor ist sich der Privilegien bewusst, wenn er seinen Protagonisten Haschem immer wieder an bestimmten Fluchtpunkten in Italien, Frankreich, Deutschland und Schweden trifft. Haschem, der in Syrien ein ganz normales Leben gelebt hat.
Zitat: Haschem ist kein sonderlich politischer Mensch. Er ist 37 Jahre alt und Beamter beim regionalen Wasserverband. Dort leitet er die Computerabteilung, und seine Arbeit besteht darin, jeden Monat die Wasserrechnungen für die Einwohner von Damaskus und Umgebung zu erstellen. Er konzentriert sich auf seine Arbeit und denkt sich ansonsten seinen Teil.
Die Geschichte des 37-jährigen Syrers durchzieht das Buch wie ein roter Faden. Und steht paradigmatisch für die unzähligen Menschen, die – allein oder mitsamt ihrer Familie - ihre Heimat verlassen, um irgendwo auf der Welt ein besseres und vor allem sicheres Leben zu führen. Haschems Flucht dauert insgesamt drei Jahre und führt ihn wie Tausende andere über das Mittelmeer. 
Zitat: Die Nacht bricht herein, und die Stimmung an Bord ist gedrückt. Die See ist rau, vielleicht zu rau für die Geschwindigkeit, mit der sie jetzt fahren. Aber niemand will das Tempo zurücknehmen, damit die griechische Küstenwache sie nicht abfängt, bevor sie in italienischen Gewässern sind. Haschem ist fast zu erschöpft, um das alles mitzubekommen. Er hat stundenlang auf einem Bein gestanden, um anderen dadurch mehr Platz zum Schlafen zu verschaffen.

Patrick Kingsley hatte das Glück, bei der englischen Tageszeitung „Guardian“ als Migrationskorrespondent eingestellt zu werden, lange bevor die Flüchtlingssituation in Europa virulent wurde. Für sein Buch hat er drei Kontinente und 17 Länder bereist. Er erzählt von Einzelschicksalen, ohne das große Ganze außer Acht zu lassen. Und so geht es in diesem Buch nicht nur um die Flucht aus Syrien, sondern auch um die Flucht aus Nigeria, Eritrea und vielen anderen Staaten.
Zitat: Die Migration nach Europa ist keineswegs neu. Schon seit langem versuchen afrikanische Migranten über Marokko nach Spanien oder vom Senegal aus auf die Kanarischen Inseln zu gelangen. Seit Jahren sind Libyen, die Türkei und Ägypten Sprungbretter für Menschen, die sich nach Italien, Griechenland oder Bulgarien durchzuschlagen hoffen. Doch noch niemals zuvor sind sie in solch großer Zahl gekommen.

Warum machen sich diese Menschen auf eine gefährliche Reise, steigen in völlig überfüllte Boote, vertrauen das eigene Leben Schleppern an? Der Autor hört zu, beobachtet und berichtet. Er versucht – und es gelingt ihm auch meist -, die Distanz zu halten zwischen dem Beobachter und dem Freund der Männer und Frauen, die er durch seine intensiven Recherchen kennengelernt hat. Auch wenn er sich der Problematik durchaus bewusst ist: So meint er einmal, er sei sich in einem Flüchtlingslager komisch vorgekommen, denn anstatt selbst zu helfen, habe er die Helfer mit allerlei Fragen von ihrer Arbeit abgehalten. Doch es sei eben seine Aufgabe, nachzufragen. In einem Aufnahmelager in Sizilien trifft Patrick Kingsley auf Menschen, die es überlebt haben, als ihr Boot kenterte.
Zitat: Ibrahim bleibt ruhig, als sein Nachbar sich an seinem Hosenbein festhält. Er sagt, dass er den Reißverschluss geöffnet und die Hose abgestreift, sich dann das Hemd vom Leib gerissen und durch eine Masse wild zappelnder Körper einen Weg nach oben gebahnt habe, bis er sich schließlich aus dem sinkenden Schiff und an die Wasseroberfläche rettete. Er schnappt nach Luft. Sein Freund Harun ist ertrunken, ebenso wie 900 weitere Passagiere.

Doch Patrick Kingsley sucht auch jene, die die Flucht erst möglich machen, Schlepper und Schleuser, die ihm, wenn er sie nach langem Hin und Her schließlich zu einem Gespräch überredet hat, von ihrer täglichen Arbeit erzählen. Nach und nach ergibt sich ein schlüssiges Bild der Szenerie, Zusammenhänge werden verständlich und Informationen verknüpft.
Zitat: Nicht nur die Polizei drückt ein Auge zu. Dass die Schleuser ihre Touren immer am Montag unternehmen, hat damit zu tun, dass sie sich an diesem Tag an den Militärkonvoi anhängen können, der einmal in der Woche durch die Wüste fährt. Auch das scheint niemanden zu stören. „Die Armee hat uns aus der Stadt hinausgeführt“, erinnert sich ein nigerianischer Migrant, den ich später auf der Route kennenlernte. „Und die Armee hat niemanden aufgehalten.“

Dieses Buch gibt keine Antworten, doch wer sich auf die Geschichten der Menschen einlässt, wird die Beweggründe der Flüchtenden besser verstehen, wird ihnen vielleicht anders begegnen. Patrick Kingsley ist davon überzeugt, dass die europäische Flüchtlingspolitik gescheitert ist. Es sind verzweifelte Menschen, die nach Europa kommen. Männer, Frauen, Kinder - Familien ohne Perspektive. Die meisten haben keine Ahnung, was sie erwartet. Und - und auch davon ist der Autor überzeugt - es werden nicht weniger werden.

Info: Patrick Kingsley Die neue Odyssee – Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise (aus dem Englischen von Hans Freundl und Werner Roller, C.H.Beck 2016)

Mittwoch, 20. Juli 2016

Auf der Suche nach Erich Meder.

Wir haben die Dreharbeiten für unsere nächste Dokumentation abgeschlossen. Es geht um den Wiener Textdichter Erich Meder. Produziert wird die Doku von der Kurt-Mayer-Film, als Koproduktion mit ORF III. Schnitt ab Mitte August, Sendetermin ist aber erst im Winter...
Bilder gibt es hier im Flickr-Album.
Regie: Uli Jürgens, Kamera: Geri Gottlieb

Mittwoch, 13. Juli 2016

Montag, 11. Juli 2016

Ich habe nicht geweint.

Dora Schimanko mit ihrer Mutter.
Dimensionen-Sendung über die Kindertransporte auf Ö1. Meine InterviewpartnerInnen sind die ehemaligen "Kinder" Hans Kohlseisen, Ilse Melamid, Hans Menasse, Robert Rosner und Dora Schimanko, dazu die Historikerin Brigitte Bailer-Galanda und die Psychotherapeutin Anna Wexberg-Kubesch. Einen Teil des Textes gibt es auf der Ö1-Seite, wir arbeiten auch an einer Doku zum Thema, voraussichtlicher Sendetermin Anfang November.

Über unser Interview mit Hans Menasse hat der Pressesprecher der Vienna einen kleinen Erlebnisaufsatz geschrieben.

Freitag, 8. Juli 2016

Alte Wege.

Urban Gardening, Gemeinschaftsgärten, raus in den Wald - die Hinwendung zur Natur ist derzeit wieder allgegenwärtig. Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten, Urlaub am Bauernhof mit echten Tieren zum streicheln und füttern, Selbstfindung bei der Alpenüberquerung. Auch in den Buchhandlungen ist dieser Boom zu spüren, Naturbücher drängen sich in den Regalen und warten auf Leserinnen und Leser. Ein besonders schönes und nebenbei einzigartiges Buch wollen wir Ihnen heute vorstellen: Alte Wege vom britischen Autor Robert Macfarlane. Er folgt Pfaden, Furten und Seewegen, die seit der Antike die menschlichen Siedlungsräume miteinander verbinden. Wie schrieb schon Flann O´Brian: "Weil die Füße auf der Straße ständig rissig werden, kommt beim Gehen eine gewissen Menge Straße auch in einen rein."

Fährten, Wege, Pfade, Deiche, Furten, Stege, Spuren - im Watt, auf Granit, über Wurzeln, im Schnee. Robert Macfarlane, dessen Nachname bereits die Wörter "weit" und "Fahrbahn" beinhalten, ist für dieses Buch viel gewandert, und er hielt oft inne, ließ Blick und Gedanken schweifen.
Zitat: Seit einiger Zeit glaube ich zu wissen, dass es zwei Fragen gibt, die wir jeder Landschaft, die uns beeindruckt, stellen sollten. Die erste: Was weiß ich, wenn ich an diesem Ort bin, was ich nirgendwo sonst wissen kann? Die zweite, auf immer unbeantwortete: Was weiß dieser Ort von mir, was ich selbst nicht wissen kann?

Der Autor erwandert sich große weite Teile Großbritanniens, er ist zwischen Oxford und Cambridge genauso unterwegs wie an Küstenstrichen in Schottland und Südengland. Er erkundet mit Freunden aber auch Wege in Ramallah im Westjordanland, pilgert parallel  des ausgetretenen Jakobsweges in Spanien und entdeckt in Tibet alte Routen zum heiligen Gipfel Kailash. Welchen Einfluss haben Gegenden auf die Lebensweise der Menschen? Wo hat wer wen verdrängt und wieso? Pfade seien die Gewohnheiten der Landschaft, schreibt Macfarlane, sie wurden aus bestimmten Gründen angelegt, wurden begangen, verlegt, erweitert, manche verschwanden, alle wirken jedoch bis heute nach. Im vorliegenden Buch werden Landschaften beschrieben, allerdings niemals ohne die soziale Wirklichkeit außer Acht zu lassen. In der Natur findet ständig Veränderung statt, gleichzeitig sorgt sie aber auch für Stabilität.
Zitat: Die Wegmarken meiner Wanderungen waren nicht nur Dolmen, Grabhügel und Hünenbetten, sondern auch das Eschenlaub des letzten Jahres (spröde in der Hand), die Fuchslosung der letzten Nacht (beißend in der Nase), der Vogelruf des Moments (schrill im Ohr), das poetische Knistern des Hochspannungsmasts und das Zischen der Pestizidspritzen.

An zahlreichen Stellen verweist der Autor auf einen seiner Lieblingsdichter, auf Edward Thomas, in dessen Gedichten das Wandern und das Erkunden immer wieder im Mittelpunkt stehen. Für Robert Macfarlane sind Edward Tomas Texte eine niemals versiegende Inspirationsquelle.
Zitat: Seine Gedichte sind bevölkert von Geistern, dunklen Gestalten und Doppelgängern, in tiefen Wäldern verlaufen Pfade ins Nichts; die Landschaften sind oft nur dünne Oberflächen, stets kurz davor aufzubrechen. Wenngleich ihn die romantische Figur des selbstbewussten einsamen Wanderers faszinierte, trieb ihn vielmehr die Frage um, wie uns die Orte, durch die wir uns bewegen, zerstören oder auch stärken können.

Ein besonders gelungenes Kapitel ist jenes mit dem Titel "Watt". Robert Macfarlane wagt sich hier auf den vermeintlich tödlichsten Weg Englands, den Broomway, einen Pfad im Schlick der Ostküste Englands, der nur bei Ebbe gefahrlos begangen werden kann. Schlammverkrustet kommen der Autor und seine Begleitung wieder an den Ausgangspunkt zurück.
Zitat: Dort, am ausgefransten Ende des Damms, am Rande der Black Grounds, standen die Markierungspfähle, und dort - auf ihrer Bank aus Seegras - hockten noch immer meine treuen Turnschuhe in stiller Erwartung. Ich zog sie an, und wir verließen Doggerland, oder welches Land auch immer wir an diesem Tag bereist hatten, traten hinter den Spiegel und auf den Deich. Noch Tage später fühlte ich mich ruhig, sanden, strahlend, glatt. 
Mit allen Sinnen wird Natur erfahren. Es ist ein wunderbares Buch, eines, das zum Gehen einlädt und zum Verweilen anregt. Ein Schritt - ein Gedanke. Das eine ist ohne das andere nicht möglich, nicht sinnvoll. Ist es ein Wanderführer? Vielleicht sind es literarische Reisereportagen. Was es mit diesem Buch auf sich hat, erschließt sich der Leserin und dem Leser nicht sofort, aber vielleicht geht es genau darum, die Geschichten, die Kapitel zu durchwandern, beim Umblättern den leisen Windhauch zu spüren, die Lerchen zu hören, die den Autor in aller Herrgottsfrühe wecken, den Rhythmus des Wanderers aufzunehmen und mitzuatmen.
Zitat: Der Kopf kann nicht umhin, dieser Linie über das Land zu folgen - nicht nur voran durch den Raum, sondern auch zurück durch die Zeit, hinein in die Geschichte des Weges und all derer, die ihn genutzt haben. Wenn ich einem Pfad folge, denke ich oft an seine Anfänge, daran, warum er wohl entstand, an die regelmäßigen Reisen, deren Zeuge er ist, und die Geheimnisse, die er bewahrt, all die Abenteuer, Begegnungen und Abschiede.

Für den österreichischen Leser zunächst etwas störend ist die Übersetzung des englischen Wortes "walk" mit dem deutschen Wort "laufen". Das nimmt dem Buch etwas von seiner Gemächlichkeit, seiner Ruhe, dem Leser aus Deutschland wird es nicht auffallen. Man muss sich etwas daran gewöhnen und sich immer wieder vergegenwärtigen, dass der Autor nicht von Ort zu Ort rennt, sondern wandert, geht, spaziert, flaniert. Abgesehen davon ist Alte Wege ungemein fesselnd geschrieben, poetisch und feinsinnig. Dieses Buch kann auf keinen Fall im Sitzen geschrieben worden sein.

Robert Macfarlane Alte Wege (aus dem Englischen von Andreas Jandl und Frank Sievers, Naturkunden 2016)

Freitag, 17. Juni 2016

Schleppen. Schleusen. Helfen.

Die Flüchtlingssituation beherrscht weiterhin die europäischen Medien. Bilder, wie jenes des kleinen Buben, der im Mittelmeer ertrunken ist, Berichte, wie jener über die Toten, die in einem Laster im Burgenland entdeckt wurden, sind nicht vergessen. Und weiterhin flüchten täglich Tausende Menschen aus Krisenregionen, legen ihr Schicksal und viel Geld in die Hände von Schleppern. Diesem Thema widmet sich ein Sammelband, herausgegeben von der Historikerin Gabriele Anderl und dem Historiker Simon Usaty: Schleppen Schleusen Helfen – Flucht zwischen Rettung und Ausbeutung. Zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen sich dort Gedanken über Schlepperei, Menschenhandel und Fluchthilfe – von Migrationsbewegungen des 17. Jahrhunderts über Flucht und Exil während der NS-Zeit bis zu heutigen Diskussionen über offene Grenzen. 

Ist jeder Schlepper kriminell? Was ist Fluchthilfe genau? Und wo liegt die Grenze  zum Menschenhandel? Inwiefern unterscheiden sich Fluchtbewegungen – damals und heute? Was können wir aus der Vergangenheit lernen und vor welchen Herausforderungen stehen wir in Zukunft? Diese und viele andere Fragen werden im Sammelband gestellt und auf vielfältige Weise beantwortet. Es ist ein umfassendes und ausführliches Buch, 568 Seiten dick. 36 Artikel sind versammelt, vier davon auf Englisch. Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen Disziplinen, wie Zeitgeschichte, Politikwissenschaft, Soziologie, Migrationsforschung, Völkerrecht und Journalismus, beleuchten das Thema in seinen historischen und gegenwärtigen Ausprägungen. Im Vorwort schreibt der israelisch-österreichische Schriftsteller Doron Rabinovici:
Zitat: Unzählige wagen die Flucht, versuchen in Booten und auf Flößen über das Meer zu entkommen. Nicht wenige ertrinken dabei. Andere werden in Lastern verstaut. Hunderte erfrieren, verdursten und ersticken im Container. Sie liefern sich Schleppern aus, geraten in das Wirrwarr aus Schmugglern, Zollbeamten und Grenzgängern, weil sie sich anders nicht zu retten wissen. Sie geben ihr Letztes.

Die Texte spannen einen Bogen von Migrationsbewegungen der englischen Jakobiten in den Jahren 1688/89 und dem Mädchenhandel aus Galizien nach Südamerika um 1900 über illegale Flucht- und Schmuggelrouten während der NS-Zeit bis zu Fragestellungen zu Migrationskontrolle und dem Geschäft mit der Not in die Gegenwart. Fälle werden gegenübergestellt, wirklich vergleichbar sind sie nicht. Zu unterschiedlich waren und sind die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Umstände, die zur Flucht führten und führen. Begriffe wie Fluchthilfe, Schlepperei und Menschenhandel gelte es klar zu definieren und voneinander abzugrenzen, so die Herausgeber:
Zitat: Bereits im Rahmen der Fluchtbewegungen der Jahre 1933 bis 1945 waren einmalige oder mehrfache illegale Grenzüberschreitungen, oft in Verbindung mit anderen nicht gesetzeskonformen Praktiken wie dem Fälschen von Visa oder Dokumenten, wesentlich häufiger als allgemein bekannt. Solche Fluchtversuche konnten tragisch scheitern, vielfach erwiesen sie sich jedoch als lebensrettend. Hätte es diese Verstöße gegen bestehende gesetzliche Regelungen durch das unerlaubte Überwinden von mehr oder weniger gut gesicherten Land- und Seegrenzen nicht gegeben, wäre die Zahl der Shoah-Opfer noch um vieles höher gewesen.
Viel Raum wird naturgemäß den verschiedenen Ausprägungen von Flucht und Exilbewegungen während der Herrschaft der Nationalsozialisten gegeben. Was geschah an den Grenzen zur Schweiz, zum ehemaligen Jugoslawien, zur ehemaligen Tschechoslowakei? Welche Strategien retteten Menschenleben? Wo liegt die Grenze zwischen Ausbeutung und Rettung? Welche Namen sind heute noch bekannt und warum? Ein Beispiel ist der US-Amerikaner Varian Fry, der in der 1940er Jahren half, Künstler und Intellektuelle aus Südfrankreich zu retten.
Zitat: Sein Ziel war es, in knapp vier Wochen die Flucht bekannter Emigranten aus Kultur und Politik zu organisieren und damit ihr Leben zu retten. Zu den Begünstigten gehörten nicht nur Persönlichkeiten des Literaturbetriebes wie Heinrich, Nelly und Golo Mann, die Ehepaare Lion und Marta Feuchtwanger sowie Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel, Hertha Pauli und Walther Mehring, sondern auch politische Gegner Hitlers wie Rudolf Breitscheid und Rudolf Hilferding.
War Fry nun Schlepper? War er Fluchthelfer? Haben sich die französischen Bauern, die die Menschen über die Pyrenäen gebracht haben, bereichert? Haben sie die Not der Verfolgten ausgenutzt? War das denen, die es in die Freiheit geschafft haben, später wichtig, ob und wieviel sie für ihre Flucht bezahlt haben? Angebot und Nachfrage bestimmten und bestimmen die Preise, die allgemeine Logik eines Marktes macht auch hier nicht Halt.

Es ist ein heikles Thema, das die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in diesem Buch bearbeiten, und es gehe keinesfalls darum, die Kriminalität, die es im Kontext der Fluchthilfe immer gegeben hat und immer geben wird, schön zu reden oder zu leugnen, wird immer wieder betont. Doch dürfe es auch keine Pauschalverurteilungen geben. Die Medien spielen in dieser Frage eine wichtige, nicht zu unterschätzende Rolle.
Zitat: Im politischen Diskurs hat der Topos vom „gewissenlosen Schlepper“ einen fixen Platz. Immer wieder wird auch Schlepperei mit Menschenhandel gleichgesetzt. Dieser Diskurs ist ein wichtiger Bestandteil einer Strategie, die Flüchtlingsbewegungen nicht als eine humanitäre Aufgabe für die Zufluchtsländer, sondern als eine Bedrohung von deren innerer Sicherheit darstellt.

„Festung Europa“ ist fast täglich in den Zeitungen zu lesen. Es werden Mauern gebaut und Zäune hochgezogen. Knapp ein Drittel der Beiträge im Sammelband Schleppen Schleusen Helfen beschäftigen sich mit aktuellen Fragen. Ist das Abriegeln der Grenzen der richtige Weg? Was besagt das Völkerrecht? Welche Alternativen gibt es? Oft wirkt ein Blick in die Vergangenheit relativierend. Und so werden viele Antworten gegeben in diesem Buch, aber auch viele neue Fragen gestellt. Insgesamt ein engagiertes Buchprojekt, ein kritisches Nachschlagewerk, das einen fundierten und hochinteressanten Überblick über historische Fluchtbewegungen gibt und die aktuelle Situation einzuschätzen und zu analysieren versucht.

Gabriele Anderl, Simon Usaty (Hg.): Schleppen Schleusen Helfen – Flucht zwischen Rettung und Ausbeutung (Verlag Mandelbaum Wien 2016)

Freitag, 10. Juni 2016

Den Wurschtl kann kana derschlagn.

Unsere zweite aktuelle Produktion. Und ein bissl Förderung ist bereits zugesagt! "Lieder für die Ewigkeit" ist der Arbeitstitel - mir fällt sicher noch was hübscheres ein...

Donnerstag, 9. Juni 2016

Zur Belohnung in den Musikverein.

Ich habe das Projekt der Wiener Philharmoniker, ein Haus für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen, auf wemakeit unterstützt.

Zur Belohnung durfte ich jetzt eine Probe anschauen, Mahler Passacaglia Op.1 und Bruckner Symphonie Nr.9.

Das Konzert findet am 14. Juni im Rahmen der Wiener Festwochen statt.

Toll!

Freitag, 3. Juni 2016

Sturmwarnung.

Bücher übers Meer, Geschichten von Seeleuten, Berichte von Kapitänen - damit hat sich der kleine aber feine Hamburger Verlag Ankerherz schon eine Menge Freunde gemacht. Eng mit dem Verlag verbunden ist Kapitän Jürgen Schwandt, ein Hamburger Faktotum. Viele Jahrzehnte war er auf See, seit einigen Jahren schreibt er eine Kolumne in der Hamburger Morgenpost und ist - trotz seiner 80 Jahre - auch auf Facebook aktiv. Über 56.000 Fans hat er dort. Jetzt liegen seine Erinnerungen als Buch vor: Sturmwarnung - Das aufregende Leben von Kapitän Schwandt.

Wer dieses Buch öffnet, der hört das Meer rauschen. Und er hört Kapitän Jürgen Schwandt, mit grauem Bart und schwarzer Mütze, die Zigarette lässig im Mundwinkel, das Gesicht von Wind und Wetter zerknittert, der seine Geschichte erzählt.
Zitat: Ich bin ein Seemann. So fühle ich, so empfinde ich und so denke ich. Was ich gelernt habe, brachten mir die Ozeane und die Jahre an Bord der Schiffe bei. [...] Mein Leben war ein großes Abenteuer. 

Auf knapp 200 Seiten lässt Schwandt sein Leben Revue passieren. Berührend erzählt er - Jahrgang 1936 - von seiner Kindheit in den Trümmern eines Hamburger Arbeiterstadtteils, vom Elend und vom Hunger, vom ständigen Kampf gegen den Vater, einen überzeugten Nationalsozialisten, vom Wunsch, Seemann zu werden. 1952, im Alter von 16 Jahren heuert Schwandt erstmals an, wird Schiffsjunge auf der Argonaut.
Zitat: Wer immer sich den Namen Argonaut ausgedacht hatte - in der griechischen Mythologie ein sagenhaft schnelles Schiff -, muss betrunken, verwirrt oder der Vertreter eines besonders schwarzen Humors gewesen sein. Je nach Wetterlage, wenn zum Beispiel Sturm von vorne kam, wäre man mit einem Tretboot besser unterwegs gewesen.
Vom Schiffsjungen steigt Schwandt zum Matrosen auf, heuert auf größeren Schiffen an.

Eine Passage über den Atlantik im Dezember 1955 auf dem Frachter Franziska Sartori sollte Schwandts Leben und seine Einstellung dazu von Grund auf verändern. Wind aus Südwest mit zehn Beaufort, weiter steigend. Brecher schlagen auf Deck, das Schiff taumelt durch die meterhohen Wellen. Plötzlich ein Schlag, das Licht geht aus, die Maschinen stoppen.
Zitat: Durch den Ausgang der Kombüse trete ich hinaus aufs Achterdeck, wo mir der Orkan den Atem nimmt, es ist, als wolle er in seiner Wut alles Leben davonreißen. Das Meer und die Gischt und die Luft vermischen sich, die Sicht ist minimal. Man fühlt sich manchmal so winzig, so klein und so unbedeutend auf See, besonders aber in einem solchen Moment. In diesem Inferno, in dem einem die Macht der See bewusst wird.
Der Sturm hat Teile der Brücke zerstört, in vielen Bereichen steht Wasser, es gibt Schwerverletzte und keine Funkverbindung. 20 Minuten lang ist das Schiff im Auge des Orkans, es ist gespenstisch ruhig, schnell werden die Verletzten notdürftig versorgt, dann geht es wieder los. Schließlich gelingt es, mittels einer Notantenne ein Signal zu senden. Bange Stunden vergehen, dann taucht ein amerikanisches Kriegsschiff auf, eskortiert den angeschlagenen Frachter nach Lissabon. Erleichterung.
Zitat: Der Alkohol fließt wie niemals zuvor. Es ist keine Feier im eigentlichen Sinne, es ist eher eine Explosion, ein Schrei nach Leben, der drei Tage dauern soll. Von umgerechnet 500 D-Mark, die jeder von uns erhielt, ist nichts übrig, als wir wieder an Bord schleichen.
Zwei andere Schiffe, die im Orkan ganz in der Nähe unterwegs gewesen waren, sind spurlos verschwunden.

Dieses Kapitel ist wohl das Herzstück des Buches, spannend, ehrlich und mitreißend geschrieben sind aber auch die anderen, über Reedereien, Prostitution, Alkoholismus oder maritimen Aberglauben. Ab 1966 fährt Schwandt als Kapitän zur See, wird später Chef des Wasserzolls in Hamburg. Schreibt eine Kolumne für die Hamburger Morgenpost, entdeckt die Neuen Medien. Er kommentiert seinen eigenen Alltag, wundert sich über die Generation Wischfinger, wettert gegen Pegida und AfD, gegen Rassismus und Vorurteile, nimmt sich kein Blatt vor den Mund.
Zitat: Auf meinen Reisen habe ich überall auf der Welt gute Menschen kennengelernt. Und auch ein paar Arschgeigen. Das hat nichts mit Hautfarbe, Pass oder Religion zu tun.
Sich selbst beschreibt Schwandt als einen der alten Schule, nimmt sich und sein Alter aber nicht ganz so ernst.
Zitat: Sich die grauen Haare wegfärben, aber heimlich aus der Schnabeltasse nippen? Tuning für den Rollator? Kommt nicht in Frage. Damit das geklärt ist: Ich bin kein Senior. Ich bin ein alter Mann.

Das Buch ist liebevoll gestaltet und gediegen gemacht, mit Illustrationen und zahlreichen Fotos aus Schwandts privatem Archiv. Fertig gestellt haben es der Kapitän und sein Ghostwriter und Verleger Stefan Kruecken übrigens ganz stilgerecht auf einem Frachter, bei der Überfahrt von Hamburg nach Island. Dabei entstanden auch die über das Buch verteilten, sehr gelungenen Portraits des Kapitäns.
Zitat: Ich liebe es, zur See zu fahren, immer noch, das lässt einen nicht los. Früher hatte ich einen gepackten Koffer zu Hause stehen und das Seefahrtsbuch obenauf in der Schublade liegen. Nur für die Psyche. Das Meer ist mein Zuhause.

Man sollte dieses Buch nicht als e-book kaufen, auch wenn es am Bildschirm sicherlich genauso spannend zu lesen wäre - aber es wäre schade. Noch ein Tipp: Schutzumschlag entfernen und sich am wunderbar kitschigen, in Silber auf blauem Grund geprägten Verlags-Logo erfreuen. Es sind - klar - ein Herz und ein Anker.

Stefan Kruecken: Sturmwarnung – Das aufregende Leben von Kapitän Schwandt (Ankerherz Verlag, 2016)

Freitag, 20. Mai 2016

Bagdad - Erinnerungen an eine Weltstadt.

Bagdad, die Hauptstadt des Irak, über 5 Millionen Einwohner. Wir kennen die Stadt vor allem aufgrund der nicht enden wollenden Zahl von Anschlägen, Autobomben und Entführungen. Es gilt eine Reisewarnung des österreichischen Außenministeriums, die Botschaft ist aus Sicherheitsgründen geschlossen. Doch in den 1960er und 70er Jahren war Bagdad eine florierende und moderne Traumstadt - mit Casinos, Straßenkreuzern und Frauen in Miniröcken: Davon erzählt der Schriftsteller Najem Wali in seinem neuesten Buch.

Der Schriftsteller Najem Wali, Jahrgang 1956, geboren in Basra, lebt und arbeitet seit über 30 Jahren in Deutschland, im Vorjahr wurde er für seinen Roman Bagdad Marlboro mit dem Bruno-Kreisky-Preis ausgezeichnet. In seinem neuen Buch Bagdad - Erinnerungen an eine Weltstadt erzählt der Autor von seiner Beziehung zur irakischen Hauptstadt. Mehrere Hundert Kilometer entfernt aufgewachsen, spürt er von klein auf eine eigenartige Sehnsucht nach der 5-Millionen-Menschen-Metropole am Ufer des Tigris.

Zitat: Dieses Bagdad, von dem meine Mutter ständig erzählte, ebenso meine Großmutter und mein Großvater, alle unsere Nachbarn, Verwandten und Bekannten, von dem alle redeten, die mich nach meinem abwesenden Vater fragten, von dem auch die Freunde meines Vaters sprachen, die mich vor unserem Haus spielen sahen und sich erkundigten, ob er schon aus Bagdad zurück sei, dieses Bagdad schien mir weit, weit weg. Es war, als läge dieses Bagdad auf einem fernen Planeten, in einem anderen Land.

Postkarten vom Vater, der beruflich immer wieder in der Hauptstadt zu tun hat, lassen beim kleinen Najem eine Phantasiestadt entstehen, abends wandert er durch die Straßen einer an die leere Zimmerdecke imaginierten Landkarte.

Zitat: Ich glaube, dass mir die Vielfalt der Postkarten, die ich aufbewahrte, die Vorstellung einer Welt erlaubte, die größer war als diejenige, die mich umgab. Ohne diese Postkartenbilder wäre es mir nicht vergönnt gewesen, meine ersten Überlegungen über die Welt anzustellen. Auf jedem Bild fand ich irgendetwas Neues, das ich zu mir in Beziehung setzen konnte.

Der kleine Najem träumt sich in das Lieblings-Schallplattengeschäft des Vaters, und in die Buchhandlung Mackenzie, von wo der Vater der Mutter immer die Burda-Moden-Zeitschriften mitbringt. Als es endlich soweit ist und der Vater den Sohn im schicken gelben Chevrolet mit nach Bagdad nimmt, ist der junge Mann überwältigt: „Wenn die Menschen eine Vorstellung von einem Ort haben und dann verreisen, dann schauen sie zuerst nicht, was draußen ist, sondern sie schauen durch das innere Auge. Sie sehen das Bild, das sie sich von dem Ort gemacht haben, es dauert lange, bis man Vergleiche anstellt.“

Keine Frage, Najem Wali muss in dieser Stadt leben, und so beginnt er bald ein Studium der deutschen Literatur. Er ist ausgehungert nach Wissen, nach Gesellschaft, nach Intellektualität. Es ist eine Zeit der Öffnung im Irak, Frauen tragen Hosen oder sogar Mini-Röcke - eine vorsichtige Emanzipation, ein zaghafter gesellschaftlicher Fortschritt: „Und natürlich war das Anfang, Mitte der 70er eine Zeit des Aufbruchs, da gab es viele französische Übersetzungen von Werken des Existenzialismus oder Surrealismus – Sartre, Camus, die ganze Bande (lacht). Das war ein bohemisches Leben, das war sehr schön!“

In Najem Wali wächst der Wunsch, Schriftsteller zu werden. In Cafés und Bars wird diskutiert, in öffentlichen Parkanlagen trifft sich die rebellische Jugend. Doch die Politik macht den jungen Menschen einen Strich durch die Rechnung, und Najem Wali schlägt sich bald auf die Seite der Opposition, will nicht auf Freiheit, Fortschritt und Visionen verzichten, engagiert sich im Widerstand gegen die regierende Baath-Partei. Doch die Stadt steuert in Richtung Niedergang.

Zitat: Es war ein Prozess, der im Frühjahr 1978, genau am 31. März jenes Jahres, in der Hinrichtung von einunddreißig Bürgern, zur Hälfte Militärs, zur Hälfte Zivilisten, gipfelte. Der Vorwurf lautete: Bildung kommunistischer Zellen in der Armee, ein Anklagepunkt, den der Machtapparat mit dem Tode bestrafte.

Dennoch zögert Najem Wali das Verlassen der Stadt immer wieder hinaus, will die Entwicklungen nicht wahrhaben, wird verfolgt und mehrmals verhaftet und gefoltert. Am 22. September 1980 bricht der irakisch-iranische Krieg aus, Najem Wali bekommt den Mobilisierungsbescheid. Doch er stellt sich nicht. Und kann schließlich nicht mehr in Bagdad bleiben: „Und dann musste ich das Land und Bagdad verlassen. Das war für mich so, als würde ich mich von meiner ersten Liebe verabschieden.“

Ohne Abschied von seiner Familie zu nehmen, schleicht sich Najem Wali am 28. Oktober 1980 heimlich aus der Stadt.

Zitat: Als ich vor dem Bus stand, mit dem ich die Stadt verlassen sollte, die je verlassen zu müssen ich nie geglaubt hatte, trug ich lediglich gefälschte Personalunterlagen bei mir. Jede meiner Bewegungen, jedes meiner Worte drückte die Leere aus, die ich in jenen Tagen um mich herum empfand. Ich fühlte mich kraftlos, wie jemand, der ein Abenteuer auf sich nimmt, von dem er weiß, dass es auch tödlich ausgehen kann.

Najem Wali legt hier einen überaus poetischen Text vor, blumig die Sprache, manchmal vielleicht zu sehr. Dem Leser wird einiges abverlangt, denn immer wieder springt der Autor von einem Jahrhundert in ein anderes, zitiert eine Menge arabischer Gelehrter, verliert sich vereinzelt in zu vielen Details. Die politischen Entwicklungen des Landes fließen immer wieder in den Text ein, der sich einmal schwelgerisch und nostalgisch, dann wieder knapp und erschreckend offen zeigt. 23 Jahre sollte Najem Wali seine Traumstadt nach seiner Flucht nicht wiedersehen, erst im Jahr 2003 kehrte er erstmals zurück, fand die Stadt seiner Kindheit und Jugend aber nicht mehr. In seinem Buch "Bagdad - Erinnerungen an eine Weltstadt" lässt er diese unwiederbringliche, faszinierende und eigentümliche Zeit auf eindrucksvolle Weise wieder auferstehen.

Najem Wali Bagdad – Erinnerungen an eine Weltstadt (aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich, Hanser 2015)

Montag, 16. Mai 2016

Kindertransporte.

Erste Stills aus der neuen Produktion. Okay, noch haben wir die Finanzierung nicht zusammen, aber Ilse Melamid war in Wien, da mussten wir ihre Geschichte zur Sicherheit gleich einmal drehen. Mehr Details werden aber noch nicht verraten!

Kamera: Gerald Gottlieb

Freitag, 29. April 2016

Der Flug.

Kaum ein Buch hat in Argentinien so viel Staub aufgewirbelt wie "El Vuelo" bei seinem Erscheinen im Jahr 1995. In diesem Buch erzählt ein unmittelbar beteiligter Militär dem Journalisten Horacio Verbitsky von der Praxis, politische Gegner während der argentinischen Militärdiktatur betäubt und nackt aus Flugzeugen zu werfen, um sie verschwinden zu lassen. Verbitskys Buch sorgte in den 1990er Jahren für eine breite gesellschaftliche Debatte zu Schuld und Verantwortung. Jetzt, zum 40. Jahrestag des Militärputsches von 1976, liegt die deutsche Übersetzung im Verlag Mandelbaum vor.

Argentinien, im Jahr 1995. Ein kleiner Mann, mit Schnauzbart und großer Nase, etwa Mitte Vierzig. Er trägt eine blaue Hose, ein kurzärmeliges Hemd, und er hat eine billige Aktentasche unter dem Arm. Es ist der ehemalige Korvettenkapitän und Marineoffizier Adolfo Scilingo, erinnert sich der Journalist Horacio Verbitsky:
"Er hat mich in der U-Bahn angesprochen und sagte zu mir, ich war in der ESMA. Ich dachte, er war ein Opfer der Folterungen und sagte, meine Güte, wie schrecklich. Aber er sagte, nein, ich war bei der Marine, ich habe dazu gehört."
Die ESMA, die Mechanikerschule der Marine, war das geheime Folterzentrum der argentinischen Militärdiktatur. Der Journalist Horacio Verbitsky ist damals etwas älter als der Mann, der ihn da so unvermittelt anspricht. Und er versteht, worum es geht, nämlich um die Verbrechen an Oppositionellen, begangen in den Jahren 1976 bis 1983:
"Das war für mich eine große Überraschung, dass ein ehemaliger Militär darüber sprach, das war wirklich ein einzigartiger Moment."
Nach dieser ersten Kontaktaufnahme werden weitere Gespräche vereinbart, Scilingo stimmt zu, dass diese auf Band aufgezeichnet werden. Doch der Journalist Verbitsky ist zunächst skeptisch:
"Ich dachte, das ist eine Geheimdienstaktion, aber er gab mir seine Telefonnummer. Und als ich anrief, war seine Tochter dran und rief, Papa, da will jemand mit dir sprechen. Da dachte ich, es wird schon nicht der Geheimdienst dahinterstecken. Und nach ein paar weiteren Recherchen war ich sicher, dass er aus freien Stücken mit mir sprechen wollte."

Zehn Jahre nach dem Ende der Diktatur liegt Mitte der 1990er Jahre vieles in Argentinien noch im Dunkeln, es hat zwar bereits Untersuchungen gegeben, doch nur wenige Verurteilungen. Außerdem wurden viele der exemplarisch bestraften Kommandanten wieder begnadigt, es gelten Amnestiegesetze, die eine Strafverfolgung beinahe unmöglich machen. Dass nun einer derer, der dabei war, ein Geständnis ablegen will, könnte alles ändern. Und so kommt es zu weiteren Treffen zwischen dem ehemaligen Offizier und dem Journalisten. Es fallen Stichworte wie "Flugzeug" und "Eliminierung des Gegners", und schnell wird Horacio Verbitsky klar, dass es hier um eine ganz spezielle Methode geht, den politischen Gegner verschwinden zu lassen. Nach und nach erfährt er Details: Die Gefangenen mussten sich in einem Kellerraum versammeln, wo ihnen ein Betäubungsmittel gespritzt wurde. Dann wurden sie in die Flugzeuge gebracht:
"Ich drängte ihn dazu, mir alles zu erzählen, was er wusste, und er reagierte zurückhaltend und förmlich. Aber ich bohrte weiter und er sagte, das ist pervers, was Sie mich da fragen, darüber will ich nicht reden, lassen Sie mich gehen. Und ich sagte, hier ist nicht die ESMA, Sie können gehen, wann Sie wollen."
Ein kritischer Moment, Scilingo hätte aufstehen und gehen und seine Geschichte für immer für sich behalten können. Aber er entscheidet sich anders. Und erzählt, was in den Flugzeugen geschah. Den bereits benommenen Gefangenen wurde nochmals ein Betäubungsmittel gespritzt, dann wurden sie nackt ausgezogen. Die Luke wurde geöffnet, ein Mann nach dem anderen wurde hinausgeworfen. 20 bis 30 Personen, jeden Mittwoch, zwei Jahre lang:
"Er kam an einen Punkt, an dem er mir erzählte, dass er selbst bei solch einer Aktion fast aus dem Flugzeug gefallen wäre. Und da ging ein Ruck durch ihn hindurch, denn in diesem Moment entwickelte er Empathie mit den Opfern. Er spürte, dass das ja Menschen waren und nicht irgendwelche Objekte. Er realisierte, dass auch er einer von ihnen hätte sein können."
Ab diesem Moment öffnen sich alle Schleusen und Scilingo redet und redet. Verbitskys Fragen sind kurz und prägnant. Es schwingt Respekt mit, für das, was Scilingo tut, vielleicht sogar mehr? Verbitsky verneint vehement:
"Nein, da gab es keine Sympathie von meiner Seite. Scilingo hat immer versucht, die Distanz zu brechen, er wollte, dass wir uns duzen, aber ich blieb immer beim Sie. Einmal sagte er, Sie sagen nie, was sie dazu meinen. Da blieb ich bewusst ganz ruhig. Es ging ja darum, dass er redete. Ich wollte keine Freundschaft mit ihm, das war für mich immer ganz klar."

Es ist ein bedrückendes und erschreckendes Gespräch. Ein Gespräch, das die argentinische Geschichte und Politik maßgeblich verändert. Horacio Verbitsky veröffentlicht es in einer oppositionellen Zeitung, das Buch "El Vuelo" erscheint noch im gleichen Jahr. Erstmals decken sich die Berichte von Opfern mit jenen eines Täters:
"Die einen glaubten das, die anderen das, je nach politischer Gesinnung. Aber als Scilingo dann geredet hat - und das Ganze war ja auf Band aufgenommen worden und war im Radio und im Fernsehen zu hören - noch dazu sprach er in der Ich-Form, also: ich war dabei, ich hab das gemacht, so war das. Das hatte eine unglaubliche Wirkung auf die argentinische Gesellschaft."
Und so kommt es  endlich zu Nachforschungen. Listen von Verschwundenen werden veröffentlicht, Archive durchforstet. Im Jahr 2003, als Nestor Kirchner Präsident wurde, sind bereits rund 50 Militärs zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. 2005 bestätigt der Oberste Gerichtshof die Aufhebung der Amnestiegesetze. Bis heute gibt es rund 600 Verurteilungen, 60 Personen wurden freigesprochen, 60 Verfahren wurden eingestellt und knapp 200 liegen auf Eis und werden, sobald es neue Beweise gibt, wieder aufgenommen.

Adolfo Scilingo wird im April 2005 in Spanien verurteilt. Und wie reagiert die aktuelle argentinische Regierung unter Mauricio Macri? Horacio Verbitsky:
"Die aktuelle argentinische Regierung freut sich nicht besonders über all die Verfahren und Prozesse, aber ich bin überzeugt davon, dass sie die Entwicklung nicht aufhalten kann, weil die Gesellschaft diese Verfahren vehement fordert. Präsident Macri würde sich selbst schaden, wenn er sie komplett stoppen würde. Was er aber schon macht, ist, dass er in staatlichen Institutionen, die an der Aufarbeitung der Fälle und in der Recherche arbeiten, Mitarbeiter einspart. Das erschwert die Aufarbeitung immens und verzögert alles. So etwas wie Scilingos Geständnis hat es danach nie wieder gegeben, aber manchmal erzählt ein Militär doch sehr detailreich, was geschehen ist. Und um das zu bewerten und einzuordnen, braucht es einfach mehr Mitarbeiter. Auch wenn Macri versucht, hier einzugreifen, die ganze Sache wird er dennoch nicht stoppen können."

Es waren laut offizieller Statistik mindestens 8.900 Menschen, die während der Militärdiktatur getötet wurden, inoffiziell ist von bis zu 30.000 Toten die Rede. Die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels in der argentinischen Geschichte ist noch lange nicht abgeschlossen, Horacio Verbitskys Buch wirkt auch heute noch aktuell wie damals, spannend und penibel recherchiert gewährt es nun auch in der von Sandra Schmidt hervorragend übersetzten deutschen Version Einblicke in Methode und Praxis eines Regimes, das Tausende Oppositionelle festnehmen, verschleppen, foltern und viele von ihnen im Meer verschwinden ließ.

Horacio Verbitsky Der Flug - Wie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ (aus dem Spanischen von Sandra Schmidt, Mandelbaum 2016)

Samstag, 9. April 2016

Konsul goes Judaica.

Ein schöner Kinoabend mit vielen sehr interessierten Besuchern beim Filmfestival "Judaica" in Cascais, Portugal. Die Version hat englische und portugiesische Untertitel, toll. Fotos von der Vorstellung gibt es hier im radiofuzzi-Flickr-Album!

Freitag, 1. April 2016

Aufstand in Auschwitz.

In den österreichischen Kinos ist derzeit ein Film zu sehen, der an die Grenzen geht – inhaltlich, kameratechnisch und was die Wirkung auf das Publikum angeht. In „Son of Saul“, der kürzlich den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewonnen hat, beschäftigt sich der ungarische Regisseur Laszlo Nemes mit einem bisher kaum bearbeiteten zeitgeschichtlichen Thema: Es geht es um das sogenannte „Sonderkommando“ im Konzentrationslager Ausschwitz. Also um jene Häftlinge, die von den Nazis dazu gezwungen wurden, die Mit-Gefangenen in die Gaskammern zu führen und anschließend die Leichen zu verbrennen. Zu diesem Thema haben kürzlich der israelische Historiker Gideon Greif und der Journalist Itamar Levin ein Buch vorgelegt, das um nichts weniger berührt und erschüttert. Im Mittelpunkt steht der 7. Oktober 1944, als die Mitglieder des Sonderkommandos den Aufstand probierten.

Es ist eine akribische Aufarbeitung, eine penible Rekonstruktion der Ereignisse, eine erschreckende Beschreibung der Vernichtungsmaschinerie, der Todesfabrik des NS-Regimes. Die Autoren, der Historiker Gideon Greif, der sich seit 1986 mit dem Thema auseinandersetzt, und der Journalist Itamar Levin, stellen den trocken erzählten und neutral aufgelisteten Fakten zahlreiche berührende Zitate von Menschen gegenüber, die Auschwitz überlebt haben.

Zitat: Wir machten die schwarze Arbeit des Holocaust.

Jaacov Gabai war Mitglied des Sonderkommandos. Er führte die anderen Gefangenen zu den Gaskammern, wo diese sich nackt ausziehen und all ihre persönlichen Gegenstände abgeben mussten. Sie würden ein Desinfektionsbad bekommen, wurde ihnen gesagt, danach bekämen sie ihre Kleidung wieder. Josef Sackar hatte nicht den Mut, ihnen die Wahrheit zu sagen:

Zitat: In die Augen habe ich ihnen nicht geschaut. Ich habe mich immer bemüht, ihnen nicht in die Augen zu schauen, damit sie nichts merkten. […] Alles Lügen, was man denen dort erzählte. Alles war Lüge, was wir sagten.

Nach dem Vergasen kam der schrecklichste Teil der Arbeit des Sonderkommandos, die Leichen mussten auf Schubkarren gepackt und verbrannt werden. Jakov Silberberg:

Zitat: Als die Türen geöffnet wurden, sahen wir einen großen Berg von erstickten Menschen, die miteinander verbunden waren. […] Es war schrecklich. Die Menschen waren geschwollen, schwarz, klebten aneinander. Es war schwer, sie auseinander zu reißen, um sie ins Krematorium zu bringen.

Die Tötung der Menschen sollte schnell und effektiv vorstatten gehen, ständig wurde der Ablauf optimiert, die Autoren vergleichen Auschwitz immer wieder mit einer Fabrik: Es gab Nachtschichten und Frühschichten, alles war akkurat organisiert. Die so genannten Dentisten brachen den Leichen die Goldzähne aus dem Mund, die Friseure schnitten den toten Frauen die Haare ab.
Wie haben diese Menschen das geschafft? Der Versuch einer Erklärung von Salman Gradowski:

Zitat: Man muss das Herz töten, das fühlende Herz, jeden Schmerz und jedes Gefühl verbannen. […] Man muss zum Roboter werden, der nichts sieht, nichts fühlt und nichts versteht.

Der Widerstand formierte sich langsam und an unterschiedlichen Stellen. Die Kommunikation war schwierig und immer wieder gingen Menschen verloren. Ganz wichtig - und die Autoren geben diesem Aspekt den nötigen Raum - sind die jungen Frauen, die in einer nahe gelegenen Munitionsfabrik Zwangsarbeit verrichteten. Sie schmuggelten unter Lebensgefahr Schwarzpulver ins Lager. Auch Mala Weinstein:

Zitat: Der Vorarbeiter beschwerte sich, dass ich zu viel Pulver verschwenden würde. Er wog das Schwarzpulver in Schüsseln ab, bevor er es mir gab, und wusste genau, wie viele Sprengkörper ich damit füllen musste. Ich stahl ein oder zwei Löffel aus jeder Schüssel und schüttete das Material in mein Päckchen, das ich in der Tasche meines Kleides versteckt hatte.

Und so kam es am 7. Oktober 1944 zum Aufstand. Die Häftlinge attackierten die Wachen, steckten die Krematorien in Brand, versuchten zu fliehen. 

Zitat: Maschinengewehre knatterten, Kugeln pfiffen, und einer nach dem anderen fiel, wie bei einer Hasenjagd, getroffen zu Boden. Schließlich rannte die große Masse auf den Stacheldraht zu, um dort durchzubrechen.

Filip Müller versteckte sich im Kamin des Verbrennungsofens, mischte sich am nächsten Tag unter eine andere Häftlingsgruppe und überlebte. 452 Aufständische starben auf der Flucht oder nach Verhören und Folterungen wenige Tage nach dem Aufstand. Am 10. Oktober 1944 protokollierte der Häftling Salman Lewenthal hastig die Ereignisse, vergrub die Zettel auf dem Gelände der Krematorien:

Zitat: Niemand hat das Recht, den moralischen Wert, den Mut und die Heldentat unserer Kameraden zu verringern, obwohl der Versuch gescheitert ist, der einmalig ist in der Geschichte von Auschwitz-Birkenau.

Die wenigen, die überlebt haben, lebten viele Jahre oder Jahrzehnte mit der Schuld, ihre Brüder und Schwestern in den Tod geschickt zu haben. Gedemütigt durch die perfide Taktik der Nationalsozialisten: Die Opfer sollten zu Mit-Tätern gemacht werden. Shlomo Dragon:

Zitat: Sicherlich dachte man, wir seien die Mörder, wir hätten die Morde eigenhändig ausgeführt und wir seien schuldig. […] Das ist schrecklich absurd. In Wahrheit wurden wir doch gezwungen, diese Arbeit für die Deutschen auszuführen. Wir hatten keine andere Wahl, als zu gehorchen. […] Wir waren nur ein Instrument in ihren Händen.

Die Kombination aus chronologischer, fast minutengenauer Berichterstattung der Ereignisse und schockierenden Augenzeugenberichten, die wiederholte Beschreibung der Tätigkeiten, die das Sonderkommando ausführen musste, machen es drastisch und eindringlich. Für dieses Buch braucht man eine dicke Haut und viel Zeit, um es immer wieder zur Seite zu legen, aus dem Fenster zu schauen, durchzuatmen und zu hoffen, dass die Menschheit vielleicht doch ein bisschen etwas aus der Geschichte gelernt hat.

Gideon Greif, Itamar Levin: Aufstand in Auschwitz. Die Revolte des jüdischen „Sonderkommandos“ am 7. Oktober 1944 (aus dem Hebräischen von Beatrice Greif, Böhlau Wien 2015)

Mittwoch, 30. März 2016

Ziegensteig erlesen.

Oh, wie schön! Mein Buch in der Büchersendung!! Am 22. März hat es Moderator Heinz Sichrovsky kurz vorgestellt. Kann weiterhin hier bestellt werden:
Mandelbaum Verlag
Oder in der Buchhandlung des Vertrauens!

Sonntag, 21. Februar 2016

Ziegensteig goes ORF III.

Am 20.2. lief ein kurzer Beitrag von der Buchpräsentation in der täglichen Kultursendung von ORF III.

Freitag, 19. Februar 2016

Ziegensteig ins Paradies.

Buchpräsentation im Jüdischen Museum Wien. Am Podium mit Verleger Michael Baiculescu vom Mandelbaum Verlag und Werner Hanak, Chefkurator des Museums. Spannende Gespräche und ein sehr interessiertes Publikum! Danke!! Ein paar Fotos gibt es hier auf radiofuzzis flickr-Seite.

Donnerstag, 28. Januar 2016

Vorlesen.

Das wurde aber auch wieder Zeit: Lesung mit dem brasilianischen Autor Luiz Ruffato und dessen Übersetzer Michael Kegler in der HB am Gürtel. Ein toller Abend!
copyright beider bilder: gustavo gomes

Freitag, 15. Januar 2016

Es wird ein gutes Jahr.

Projekte über Projekte. Drei Dokumentationen wollen gestaltet werden. Ö1 wird weiter beliefert. Vorfreude!
copyright: privat, ushmm, victor klagsbrunn