Freitag, 28. November 2014

Der Wind oder das himmlische Kind. Eine Kulturgeschichte.


Kontext, 28. November 2014

Er umgibt uns ständig, erfreut uns an heißen Tagen mit etwas Abkühlung, wirbelt im Herbst die Blätter durcheinander und kann mit seiner unbändigen Kraft fürchterliche Schäden anrichten: Der Wind. Der Wind begleitet die Menschheit seit Anbeginn, beeinflusst unsere Kultur von der Landwirtschaft über die Technik bis zur Philosophie. Stephan Cartier hat eine Kulturgeschichte des Windes geschrieben, erzählt von Abenteuern, Irrfahrten und Aberglauben – und erklärt Phänomene, über die wir bisher wenig nachgedacht haben, weil sie uns alltäglich erscheinen.

Vom leichten Lüftlerl über die steife Brise bis zum brüllenden Orkan - der Wind weiß uns immer wieder zu überraschen. Seit der Antike wird er erforscht, beeinflusst er doch das Leben der Menschen stetig und nachhaltig. Der Wind selbst ist unsichtbar, wir sehen nur, was er mit uns und der Natur so alles anstellt. Oder wir bemerken, wenn er einfach einmal nicht da ist:

Zitat:
Die Gleichsetzung von Sturm und Windstille in ihren Auswirkungen auf den Menschen, der sich auf das Meer begeben hat, ist ein alter Topos, dem man bereits in einer Sammlung antiker griechischer Epigramme, der ANTHOLOGIA PALATINA, begegnen kann. Hier wird beispielsweise von einem Nicophemos berichtet, der bei Windstille auf dem Meer verdursten muss, weil die Winde sich verschworen haben - was für Seeleute genauso schlimm sei wie Sturm.

Flaute - ein Horror für Kapitäne und Seeleute. Das musste auch Johann Wolfgang von Goethe erleben, bei einer Überfahrt vom sizilianischen Messina nach Neapel. Der Wind schwieg und das Schiff trieb immer näher an die Felsen der Insel Capri. Die Lage spitzte sich zu, doch Rettung nahte - in Form eines leichten Windhauches. Das Schiff entkam den garstigen Klippen. Später verarbeitete Goethe die Erlebnisse in seinem Text "Italienische Reise". Friedrich Nietzsche wiederum mochte die Windstille, er fand Gefallen an den griechischen Halkyonischen Tagen, benannt nach der antiken Geschichte von den Eisvögeln, zu deren Brutzeit der Gott des Windes, Aiolos, die Winde ruhen ließ. Diese windstillen Tage rund um die Wintersonnenwende dienten als Phase der Entspannung.

Zitat:
Nietzsche nutzt diesen Mythos, um sein Ideal der Gelassenheit gegenüber der Hysterie einer dekadenten Gesellschaft an eine intellektuelle Tradition anzuschließen, und die Pyrrhonische Skepsis klingt laut nach, wenn er an seinen Freund Franz Overbeck im Dezember 1888 schreibt, dass das Ende der Selbstfindung und der Selbstzweifel "die vollkommene Windstille der Seele" sei.

Humorvoll, eloquent und anschaulich erzählt Stephan Cartier die Geschichte des Windes. Er verfolgt Spuren, die der Wind in Literatur und Kunst hinterlassen hat und beschreibt so manch skurille Tradition. Etwa das heidnische Windfüttern, das es bis ins 19. Jahrhundert in Österreich und in Süddeutschland gab.

Zitat:
Die Situation vor den hohen Herren des Gerichts war für den Bäcker und Wirt Georg Hollerspacher nicht eben behaglich. Wer den Eingang zum Tabor, also dem Kerker für Hexen und Zauberer, der Stadt Feldbach in der Steiermark heute sieht, kann erahnen, wie sich der Mann vor den Inquisitoren gefühlt haben mag. Die Treppenstufen führen hinab zu einem Tor, hinter dem es sehr, sehr dunkel aussieht.

Was hatte der arme Mann getan, dass er sich den Zorn der Hohen Herren auf sich gezogen hatte? Er hatte versucht, den Wind versöhnlich zu stimmen, sodass es eine gute Ernte gab, hatte ihm Mehl, Brösel und andere Speisereste in einem Topf ans Hauseck gestellt. Hexerei, entschied das Gericht.
Mit Hilfe vieler literarischer Zitate und zahlreicher Abbildungen lässt der Autor den Leser in die Vergangenheit reisen, ins aerodynamische Laboratorium Gustave Eiffels, in die Arktis, wo Polarforscher sich mit dem Phänomen des gefühlten Windes, dem Windchill, beschäftigten, oder zu den Anfängen der Windenergieanlagen, die ab und zu die Phantasie der Ingenieure etwas zu sehr beflügelten.

Zitat:
Der größte Phantast dieser Gigantomanie war der deutsche Ingenieur Hermann Honnef. Schon in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte er auf dem Papier Windkraftanlagen, die enorme Höhen erreichten und mehrere Rotoren kombinierten. Ein geradezu expressionistisch anmutendes Kraftwerk war der 1932 entworfene Riesenturm mit fünf Windrädern, von denen jedes einen Durchmesser von 160 Metern besitzen sollte und der bis zu 250 Meter in den Himmel hinauf ragte.

Der Wind hat den Menschen seit Anbeginn beeinflusst, laut Altem Testament hat er ihn erst lebendig gemacht, als Hauch Gottes. Er war verantwortlich für wirtschaftliche Erfolge und landwirtschaftliche Erträge, brachte Dürre oder Regen.

Zitat:
Die Begründungen, warum welche Witterungslage welchen Gemütszustand produziert, variieren, aber stets wird der Wind als die wichtigste Kraft genannt, die die Launenhaftigkeit produziert. Er dient als globales Stimmungsbarometer.

Ein schlaues Buch, das versucht, ein alltägliches Phänomen einzuordnen und zu erklären, in dem es aber auch viel Spielraum für Interpretationen gibt. Wer alle Kapitel von Windstärke Eins bis Windstärke Zwölf schließlich gelesen hat, wird hinausgehen, um den Wind auf der Haut zu spüren, er wird den Wind mit anderen Augen betrachten und seinem Pfeifen, Singen und Raunen mit aufmerksameren Ohren zuhören. Denn: der Wind, das himmlische Kind, lässt sich nicht so leicht fangen, er ist eben, was er ist: hier ein fleißiger Antreiber und dort ein launischer Rumtreiber.

Stephan Cartier:  Der Wind oder Das himmlische Kind. Eine Kulturgeschichte (Transitverlag, 2014)

Mittwoch, 5. November 2014

Lissabon: Hafen der Hoffnung.

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Dimensionen, 5. November 2014 

Zitat: Die ersten Tage einer paradiesischen Ruhe in einem paradiesischen Lande sind unvergeßlich, nach der Qual der letzten Monate.

So beschreibt Alma Mahler-Werfel in ihrem 1960 erschienenen Buch "Mein Leben" die Ankunft in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon, nach der beschwerlichen Flucht von Frankreich zu Fuß über die Pyrenäen und weiter bis nach Portugal. Die Rolle, die das kleine Land während des Zweiten Weltkrieges spielte, ist wenig bekannt, obwohl Lissabon für Tausende österreichische und deutsche NS-Flüchtlinge ab 1939 wohl der letzte offene Hafen in die Freiheit war.

Die Sozialwissenschaftlerin Christa Heinrich: „ Also das war eine kleine Episode, eine Zwischenstation, die in der Regel sehr schnell durchlaufen wurde. Und ich glaube - ich vermute -, dass deshalb für viele auch dieses Portugal nicht sonderlich in Erinnerung geblieben ist. Aber, natürlich, dass es diese Möglichkeit gab, dass Portugal sich überhaupt als Transitland zur Verfügung gestellt hat, hat unendlich vielen Menschen das Leben gerettet."


Österreicher im portugiesischen Exil

Wir schreiben den 26. Juni 1940. Vor vier Tagen hat Frankreich vor Nazi-Deutschland kapituliert. Portugal macht seine Grenzen so gut wie dicht. Allein in den vergangenen Tagen sind rund 18.000 Menschen aus Angst vor der Verfolgung durch das NS-Regime ins Land gekommen, viele mit zweifelhaften Papieren und auf illegalen Wegen.
Portugal hatte bis Mitte 1938 recht lockere Einreisebestimmungen gehabt, Deutsche und Österreicher brauchten nur einen Pass, konnten ihren Aufenthalt immer wieder verlängern. Als im September 1939 der Krieg begann und sich die Flüchtlingssituation immer mehr zuspitzte, verschärfte Portugal seine Einreisebestimmungen. Juden und politisch Verfolgte brauchten ein Transit-Visum, gültig für 30 Tage. Außerdem mussten sie ein Visum für ein Land in Übersee vorweisen können und ein Ticket für die Schiffspassage.

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Die Sozialwissenschaftlerin Christa Heinrich ist eine der wenigen, die sich bisher mit dem Thema "Exilland Portugal" beschäftigt hat. In vielen Gesprächen habe sie erkannt, dass für die Flüchtlinge vor allem der Lissabonner Hafen eine zentrale Rolle gespielt hat: „Bis 1938 kamen sehr viele mit dem Schiff dort an, vor allen Dingen als der Landweg wegen des spanischen Bürgerkrieges versperrt war, kamen sie mit Schiffen aus Hamburg oder aus Rotterdam nach Lissabon und betraten dort sozusagen das Land, in dem sie möglicherweise tatsächlich bleiben konnten und auch wollten. Andererseits, ab 1940 - schon mit Beginn des Krieges 1939, aber hauptsächlich 1940 - ging es darum, Portugal möglichst schnell wieder zu verlassen, um aus Europa rauszukommen und weil Portugal zu der Zeit nur noch in absoluten Ausnahmefällen längere Aufenthaltsgenehmigungen erteilt hat. Eine Frau, sie ist als Kind als Flüchtling aus Berlin nach Portugal bekommen, sagte mir einmal: Wir sind fast jeden Tag an den Hafen gegangen, um Menschen zu verabschieden."

Die Flucht vor dem NS-Regime begann jedoch für viele in Wien. Seit den 1920er Jahren war die jüdische Gemeinde stark gewachsen, rund 200.000 Personen gehörten ihr damals an, erzählt Werner Hanak vom Jüdischen Museum in Wien. War die jüdische Bevölkerung zuerst vertrieben und ihres Besitzes beraubt worden, so waren die Novemberpogrome im Jahr 1938 der Beginn der systematischen Verfolgung und Ermordung. Alle wollten weg, soweit weg wie möglich.

Im Jüdischen Museum gibt es darüber einiges zu sehen, eine Grafik sticht besonders ins Auge. „Wir stehen hier vor einer großen Grafik, von dieser Grafik gibt es mehrere Exemplare, sie heißt: Die jüdische Wanderung aus der Ostmark. Das ist ein ganz euphemistischer Titel, nämlich für die Vertreibung und später auch für die Deportation der Wiener und österreichischen Jüdinnen und Juden. In Auftrag gegeben hat das wohl Adolf Eichmann und es ist so etwas wie ein PR-Plakat, wo er eigentlich seine Leistungen als jemand, der sozusagen die Vertreibung der Wiener Jüdinnen und Juden vorantreibt, ausstellen will. Links oben sehen wir groß geschrieben: 2. Mai 1938 - das ist der Tag, an dem die Kultusgemeinde unter der Kontrolle der Nationalsozialisten wieder begründet wurde - und den 31. März 1941 - das ist ein Datum, wo sozusagen diese Statistik endet. Wir sehen auch darin aufgelistet, wohin sind die Leute vertrieben worden, woher kommen sie, wie viele Jüdinnen und Juden waren damals in Wien, und wie viele sind am 31. März 41 noch da."

Und ein Detail dieser Grafik erscheint besonders perfide: „Was wir dann auch noch erkennen können - das wird hier genannt: Schematische Darstellung der für die Auswanderung anzulaufenden Ämter und Organisationen. Wenn man sich das anschaut, wird einem schwindlig, was die Leute, die fliehen wollten, die die Stadt verlassen wollten, um ihr Leben zu retten, alles durchlaufen mussten. Am Ende steht Passkontrolle, Grenzabfertigung und Gepäckskontrolle. Da sind sie bereits total beraubt ihrer sämtlichen Güter und konnten natürlich nur raus, wenn sie ein Visum eines anderen Landes hatten."

Unterstützt von der Israelitischen Kultusgemeinde gelang bis Ende 1941 Zehntausenden österreichischen Jüdinnen und Juden die Flucht.

„Die Leute wurden sozusagen von der jüdischen Gemeinde beraten, an wen sie sich wenden können, wo es jetzt Visa gibt, denn das war einfach auch eine Voraussetzung, dass man das Land verlassen konnte. Es wurde mit der Zeit natürlich auch immer schwieriger, bis der Krieg es unmöglich gemacht hat, das Land überhaupt zu verlassen im Jahr 41, aber auch im Jahr 40 kamen natürlich aus Wien nur noch sehr wenige Leute heraus, weil sich das Land ja im Krieg befunden hat. Dass sie das Land verlassen haben, hat ja, wie man weiß, nicht die Garantie gegeben, dass sie nicht doch noch von den Nationalsozialisten, von der Wehrmacht, von der Gestapo, irgendwo erwischt worden sind, eben in Frankreich zum Beispiel. Manche Leute sind nicht weit genug geflohen, um wirklich gerettet zu werden", sagt Werner Hanak vom Jüdischen Museum in Wien.

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Die, die es bis Südfrankreich geschafft hatten, versuchten dort, ein Visum für Portugal zu bekommen. Spanien unter Franco nahm keine Flüchtlinge auf. Lissabon war auch für viele Österreicherinnen und Österreicher das Ziel. Unter ihnen waren Schriftsteller wie Friedrich Torberg, Alfred Döblin und Franz Werfel mit seiner Frau Alma. Der Drehbuchautor Otto Eis, die Schauspieler Karl Farkas, Joseph Friman und Oskar Karlweis, die Schauspielerin und Aktivistin Hertha Pauli, die Widerstandskämpferin Lisa Fittko, der Journalist Eugen Tillinger. Aber auch die von den Nationalsozialisten gesuchte ehemalige österreichische Kaiserfamilie - Otto Habsburg, seine Mutter Zita und weitere Familienmitglieder. Sie alle drängten sich in den Straßen und warteten vor den Toren der Konsulate.

Alfred Döblin schreibt in seinem Buch "Schicksalsreise":
Zitat: Zwischen uns Exilierten besteht keine Solidarität. Wir hatten schon vorher sehr privat unser Privatleben geführt; jetzt dichteten wir uns noch besonders ab. Man sah den andern auf dem Konsulat und nickte: "Aha, du bist auch hier", und keiner verriet, was er vorhatte und auf wen er rechnete. Man bewahrte sein Geheimnis. Mißtrauen, Furcht, der andere könnte sich an dieselbe Stelle wenden und ihm zuvorkommen. 

Als Fluchthelfer fungierten einige Diplomaten, allen voran der Portugiese Aristides de Sousa Mendes, der illegal Visa ausstellte und Pässe fälschte, oder auch der European Film Fund, der Filmschaffenden und Autoren Arbeitsverträge in Hollywood verschaffte - Voraussetzung für die Einreise in die USA. Aber auch mehrere Hilfsorganisationen wie Joint Distribution Comittee oder Emergency Rescue Comittee sammelten private Spenden für die Flüchtlinge und organisierten den illegalen Grenzübergang nach Spanien, sagt die Sozialwissenschaftlerin Christa Heinrich: „Die Werfels und Heinrich Mann, Golo Mann, sind miteinander in einer Gruppe zu Fuß über die Pyrenäen nach Spanien gegangen. Und das hatte den Hintergrund, dass zu der Zeit im Vichy-Frankreich der Besitz eines Ausreisevisums die Voraussetzung dafür war, um überhaupt aus Frankreich rauszukommen. Und viele, wie Heinrich Mann oder Werfels oder auch Feuchtwangers, die sind ja auch zu Fuß über die Pyrenäen gegangen, sind das Wagnis nicht eingegangen, in Frankreich nach einem Ausreisevisum zu fragen überhaupt. Weil man wusste, dass die deutsche Seite über all diese Anträge auch informiert wurde, das war viel zu gefährlich."

Manche kamen also zu Fuß, andere versteckt in Diplomatenautos, wieder andere durchquerten Spanien in versiegelten Zügen.

Bei ihrer Ankunft erschien den Vertriebenen Portugal trotz der herrschenden Diktatur als Paradies, die Flüchtlinge sprachen später in Abgrenzung zum deutschen Nationalsozialismus von einer "Diktamoll" oder einer "Diktatur in Filzpantoffeln". Friedrich Torberg schreibt im Juni 1940 in einem Brief an seinen bereits in die USA emigrierten Freund Willi Schlamm:
Zitat: Die große Überraschung war Portugal. Wir kamen gegen ein Uhr nachts in der Grenzstation Vilar Formosa an. […] Über Nacht ließ man uns im Zug schlafen. […] Dann erfuhren wir, dass wir gegen Abend die Ortszuteilung bekommen würden (Lissabon ist gesperrt); mittlerweile wurden die vor uns Angekommenen abgefertigt, und dadurch wurden im Ort selbst wieder Betten frei, in kleinen, sehr sauberen Zimmern, bei netten, fassungslosen Leuten.


Ähnlich erlebte auch Alfred Döblin die Ankunft in Portugal:

Zitat: Wir sagten sofort: Portugal ist ein wunderbares Land. [...] Wir fuhren durch strahlend helle Straßen, auf denen sich Scharen fröhlicher Menschen bewegten. Ja, so mit Licht, Musik und Lachen empfing uns Lissabon.


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Und die ebenfalls aus Wien stammende Schriftstellerin Elisabeth Freundlich notierte:
Zitat: Ankunft also in Lissabon. Die Stadt ein Lichtermeer. Jetzt erst wurde uns so recht bewusst, dass wir lange Zeit in verdunkelten Städten gelebt hatten.

Um die Portugal betreffende Exilgeschichte verstehen zu können, muss man sich auch mit der politischen Situation beschäftigen, mit dem so genannten Salazarismus, also der Art von Diktatur unter António de Oliveira Salazar. Das Land hatte sich zu Beginn des Krieges strikt neutral erklärt, Alliierte wie Achsenmächte hatten dadurch Vorteile. 
Portugal konnte daher seine Grenzen nicht vollkommen schließen, erklärt die Sozialwissenschaftlerin Christa Heinrich: „Hinzu kommt, dass Portugal eine jahrhundertelange Vereinbarung mit England hat, ein Abkommen mit England, das immer noch sehr ernst genommen wurde. Und England hatte großen Einfluss auf die portugiesische Wirtschaft, und England hat sich natürlich auch dafür eingesetzt, dass es Lösungen für das damals so genannte Flüchtlingsproblem gab. Und ein Weg war, Lissabon offen zu halten als Sprungbrett nach Übersee, als Zwischenetappe aus Europa raus nach Übersee."

Rund 100.000 NS-Flüchtlinge fanden in Portugal während des Zweiten Weltkrieges vorübergehend oder längerfristig Zuflucht. Wie viele von ihnen aus Österreich kamen, ist noch wenig erforscht. Oft heißt es, der oder diejenige flüchtete zuerst nach Paris und später in die USA. Welchen Weg die Menschen dazwischen gingen, ist kaum bekannt. 
Die Wiener Historikerin Katrin Sippel will das ändern. Ziel ihrer Forschung ist eine Datenbank jener Österreicherinnen und Österreicher, die nach Portugal ins Exil gingen, oder von dort in ein anderes Zielland wie Brasilien, Mexiko oder die USA weiterreisten: „Ich würde gerne ein ausführliches Personenverzeichnis erstellen mit statistischen Daten zu Alter bei der Emigration, Herkunft, Fluchtwege, über welche Grenzen die Leute gekommen sind, welche Berufe sie hatten, um dann quantitative Auswertungen machen zu können. Der andere Teil ist eine qualitative Untersuchung von Fluchtgeschichten, Erlebnisberichten, Briefen, Tagebüchern."

Doch die Recherche ist schwierig, die Spurensuche aufwendig: „Ich bin noch relativ am Anfang meiner Forschung, habe aber schon ein Verzeichnis von knapp über einhundert Personen, mit Namen, zum Teil auch mehr Daten wie Geburtsdaten, Kurzbiografien. Eine Schätzung von Johnny Moser beläuft sich auf 300 Personen, die über Portugal geflüchtet sind, ich würde fast annehmen, aufgrund von meinen Untersuchungen, dass es mehr waren."

Teilweise fehlen die Aufzeichnungen, wie im Fall des portugiesischen Konsuls in Bordeaux, Aristides de Sousa Mendes, der ab einem gewissen Zeitpunkt aufhörte, über die ausgegebenen Visa Buch zu führen. Allein in einer Nacht soll er Visa für rund einhundert österreichische Flüchtlinge unterschrieben haben.

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Auf die Suche hat sich auch die Sozialwissenschaftlerin Christa Heinrich begeben, vor einigen Jahren hat sie noch mit Zeitzeugen gesprochen. Sie suchte vor allem nach jenen Menschen, über die bisher niemand berichtete, und sie fand sie. Sie fand auch Menschen mit österreichischen Wurzeln, wie Grete Friman geborene Ebermann, Paul Stricker und Yvette Davidofe: „Yvette Davidofe sprach immer wieder mit unendlicher Dankbarkeit davon, dass sie in diese Land konnte, und dass sie dort gut behandelt worden ist, dass sie dort keinen Antisemitismus spüren musste, und dass sie dort bleiben konnte. Yvette Davidofe hat sofort begonnen für den Joint, also für diese Hilfsorganisation, und für die Hilfsorganisation der jüdischen Gemeinde in Lissabon zu arbeiten und sie bleib auch Angestellte. Sie hat mir oft erzählt, nie, nie würde sie nach Wien zurück gehen, sie möchte Österreich nicht mehr sehen, und sie hat auch Menschen sehr kritisiert, die zurück gegangen sind, oder die auch nur besuchsweise zurück gegangen sind."

So froh die Menschen waren, endlich in Portugal zu sein, die Situation wurde nicht einfacher. Denn der Großteil der Menschen wollte weiter, lief von Amt zu Amt: „Das waren die Wände aus Papier, und diese Wände aus Papier haben sich für die Flüchtlinge sehr häufig als äußerst dramatisch dargestellt."

So hatten die Flüchtlinge zum Beispiel in ihrer Not ein Visum für irgendein Land gekauft, nur um aus Frankreich weg zu kommen. Friedrich Torberg hatte zum Beispiel ein Visum für Haiti. Christa Heinrich kennt andere Fälle: „Grete Friman zum Beispiel - die aus Wien stammte und von Wien nach Italien geflohen war und dann von Italien nach Lissabon, nach Portugal -, sie hatte, um nach Portugal gelangen zu können, ein Visum für Panama gekauft, und dieses Visum trug auch das Kleingedruckte, dass sie nur hätte nach Panama einreisen können, wenn sie ein Landungsgeld in erklecklicher Höhe bezahlt hätte. Und dieses Geld hatte sie natürlich nicht. Also für sie war klar: Sie kann überhaupt nicht nach Panama, aber sie kann nach Portugal. Und das war erst mal wichtig."

Und so strandeten Tausende Menschen in der portugiesischen Hauptstadt.
Zitat: Lissabon ist ausverkauft. […] Die Hotels sind überkomplett, man vermietet Badezimmer und legt Matratzen in die Korridore.

Das schrieb der Wiener Journalist Eugen Tillinger damals in der jüdischen Zeitschrift "Aufbau". 

Irene Pimentel ist Historikerin in Lissabon, sie erzählt, wie sehr sich Lissabon in jener Zeit, vor allem in den Sommermonaten im Jahr 1940er, verändert hatte: „Die Flüchtlinge fielen natürlich auf. Vor allem im Stadtzentrum. Die Menschen durften ja nicht arbeiten und hatten eigentlich nicht zu tun. Sie versuchten, ein Visum für die Weiterreise zu bekommen und natürlich das Ticket für die Überfahrt per Schiff, um von hier wegzukommen. Daher waren sie im Zentrum von Lissabon unterwegs. Das Zentrum ist ja klein, die Plätze Restauradores und Rossio, diese Zone eben. Und sie saßen gerne in den Cafés, sie mochten die Gastgärten auf den Straßen. Die Portugiesen saßen lieber drinnen und die Frauen gingen sowieso kaum in die Cafés!"

Die ausländischen Frauen erregten Aufsehen, sie trugen hochgesteckte Frisuren und kurze Röcke, sie rauchten in der Öffentlichkeit und in den Cafés, die traditionell von Männern besucht wurden. Erst zögerlich werden Erinnerungen an diese Zeit wach: „Je mehr Leute sich für das Thema interessieren, umso mehr Leute erinnern sich plötzlich wieder. Eine Dame der Lissabonner High Society, die damals ein junges Mädchen war, hat mir einmal erzählt, dass es ein Vergnügen war, zum Rossio-Platz zu gehen, um die Flüchtlinge zu beobachten. Aber weil man vor allem die ausländischen Frauen als freizügig empfand, setzte sie sich nie ins Café Suiça, sie blieb auf der anderen Seite. Jeder kennt die eine oder andere Geschichte, aber die wurden lange einfach verschwiegen."

Während des Krieges musste vieles im Geheimen passieren, war doch Lissabon aufgrund der politischen Lage Portugals irgendwo zwischen den kriegsführenden Ländern, ein Zentrum für Spionage.

„Die kriegsführenden Seiten brauchten natürlich ihre Zeitungen, um sich zu informieren und all diese Zeitungen gab es an den portugiesischen Kiosken: die französischen, die deutschen, die der Alliierten. Das ist nur ein Beispiel. Und dann war Portugal ein strategisch wichtiger Ort, hier am Atlantik. Es war für alle überaus wichtig, am Hafen zu spionieren. Hier liefen die Schiffe aus, einerseits nach Deutschland, und andererseits nach Übersee. Lissabon war eine Plattform der internationalen Spionage, für Informationen. Hier wurden heikle Geschäfte abgeschlossen und Waren ausgetauscht, da gibt es jede Menge Geschichten. Und vieles wurde überhaupt noch nicht erforscht und untersucht. So hat zum Beispiel sogar die SS selbst hier verhandelt, die Italiener haben sich hier beraten. Viele, viele Angelegenheiten wurden hier in Lissabon besprochen", sagt die Historiker Irene Pimentel.

Die Lage war also angespannt, und so konnte sich eine wirkliche Exilkultur, wie es sie in anderen Zufluchtsländern gab, in Portugal nicht entwickeln, sagt Christa Heinrich: „Alle hatten Angst davor, möglicherweise als Oppositionelle in Portugal verdächtig werden zu können, und man hat sich zurückgehalten. Es hieß damals, am besten hält man sich in Portugal aus allem Politischen heraus und dann kann man hier wunderbar leben. Und vor diesem Hintergrund sind kaum Exilstrukturen entstanden. Es gab kleine Ausnahmen, auf die ich zufällig mal gestoßen bin. Es gab Kabarett-Abende im Club Estefania in Lissabon, und diese Abende wurden unter anderem von Karl Farkas und Joseph Friman organisiert."

Der Titel eines dieser Abende lautete "Lissabon lacht wieder". Der Erlös kam den jüdischen Hilfsorganisationen zu Gute, die die Flüchtlinge versorgten.

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Schließlich leerte sich die Stadt langsam wieder. Die Menschen bestiegen Schiffe namens Mourinho, Nyassa, Serpa Pinto oder Nea Hellas. Friedrich Torberg wartete noch immer auf die ersehnte Karte für die Überfahrt. Ende September 1940 schreibt er seinem Freund Willi Schlamm:
Zitat: Ach, ich bin des Winkens müde... und zum Beispiel bringt euch also die nächste Hellas die Paare Polgar und Werfel-Mahler, Heinrich und auch Golo Mann, Feuchtwanger dürfte mittlerweile bereits angekommen sein.

Wenige Tage später stand Torberg selbst an Deck eines Schiffes in die USA. In jenen Tagen verließ auch Alfred Döblin die Stadt am Fluss Tejo. In seinem Buch "Schicksalsreise" beschreibt er den Abschied von Lissabon. Als er das Schiff bestieg, fand nahe der Stadt in Belém gerade eine große Ausstellung über das damals noch bestehende portugiesische Kolonialreich statt:
Zitat: In der Dunkelheit setzte sich das Schiff in Bewegung. Langsam wurde es gedreht und den Tejo hinausgeschleppt. Märchenhaft strahlte die Ausstellung herüber. Ihr zauberhaftes Licht war das Letzte, was wir von Europa sahen, in Trauer versenkt.

Und so verließen die allermeisten Flüchtlinge das Land wieder. Erleichtert, Europa den Rücken zu kehren, unendlich traurig, Familienangehörige und Freunde zurücklassen zu müssen.

Manche jedoch waren in Portugal gestrandet, konnten sich keine Schiffspassage leisten und hatten keine Bürgen in Übersee. Sie saßen fest, ihnen drohte die Ausweisung. Nach Intervention durch den Völkerbund und zahlreiche Hilfsorganisationen entschied das Salazar-Regime diese Menschen nicht zu vertreiben. Sie durften bleiben. Etwa der Schauspieler Joseph Friman und seine Frau Grete. „Für Grete Friman, sie hat mir das so erzählt, war das ein sehr großes Glück, und das hieß für sie: Sie wurde nicht mehr beschimpft auf der Polizei, du musst endlich gehen, ihr müsst endlich abhauen. Sie wurde nicht mehr unter Druck gesetzt, wenn sie ihre 30-Tage-Aufenthaltsgenehmigung verlängern lassen wollte. Es gab für sie - und so haben es viele andere auch empfunden - einfach die Situation: Wir sind geduldet, wir können jetzt hierbleiben", sagt die Sozialwissenschaftlerin Christa Heinrich. Das Ehepaar Friman führte später jahrelang eines der beliebtesten Restaurants in Lissabon. Auch der aus Wien stammende Paul Stricker baute sich eine neue Existenz auf, kaufte im Jahr 1944 einen ganzen Schwung defekter Füllfedern, reparierte sie und verkaufte sie wieder. Anfangs lief das Unternehmen unter dem Namen von Strickers portugiesischer Frau, er selbst hatte bis Kriegsende keine Arbeitserlaubnis. Heute ist die Firma „Paul Stricker und Söhne" ein Großhandel für Büromaterial.

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Viele der Menschen, die Christa Heinrich noch kennengelernt hat, wie Grete Friman oder Paul Stricker, die damals den weiten und beschwerlichen Weg von Wien nach Portugal gegangen sind, die alles zurückgelassen haben und in einem fremden Land wieder von vorne begannen, sind bereits verstorben. Die Exilforschung kommt für viele der Betroffenen zu spät. Die Sozialwissenschaftlerin hofft auf die nachkommenden Generationen: „Ich habe von ehemaligen Flüchtlingen erfahren, dass die Generation der Enkel, der Enkelkinder, sich wieder sehr für die Geschichte der Großeltern interessiert, also für die Geschichte derjenigen, die fliehen mussten und nach Portugal gekommen sind. Interessanterweise, oder das ist ja eigentlich auch bekannt, dass hat auch die Tochter von Paul Stricker mir erzählt, oft wollten die Eltern ihre Kinder auch verschonen, sie wollten die leidvollen Erfahrungen überhaupt nicht an ihre Kinder weitergeben, sie wollten es nicht erzählen, sie wollten es für sich behalten." 

Es gibt noch viele Archive, die nach Erinnerungen und Dokumenten durchsucht, viele Gesichter und Namen, die zusammengefügt und viele Fragen, die gestellt werden müssen, um diesen Teil der europäischen Geschichte aufzuarbeiten. Und zu verstehen, welche wichtige Rolle Portugal damals gespielt hat.


Literaturhinweise:

Döblin, Alfred: Schicksalsreise. (Verlag Josef Knecht 1949) 
Heinrich, Christa: Zuflucht Portugal. Exilstation am Rande Europas. In: Filmexil 16 (Oktober 2002), S. 4-32 
Mahler-Werfel, Alma: Mein Leben. (S. Fischer Verlag 1960) 
Torberg, Friedrich: Eine tolle, tolle Zeit. Briefe und Dokumente aus den Jahren der Flucht 1938 – 1941. (Langen Müller 1989)