Samstag, 27. September 2014

Dienstag, 23. September 2014

Aristides de Sousa Mendes - Der ungehorsame Konsul.


Dimensionen, 23. September 2014

Werner Hanak, Jüdisches Museum Wien: "Ich würde sagen, wenige Leute kennen ihn. Wir haben ja jetzt eine Promenade in Wien, die hat, glaube ich, keinen Eingang, das heißt, es wird nie jemand einen Brief dorthin schicken, aber es schickt sowieso niemand mehr einen Brief. Aber es ist natürlich toll, dass es diesen Weg, diese Promenade bei der UNO-City gibt. Es ist auch passend, weil er ein Diplomat, und zwar ein sehr vorbildlicher Diplomat war, einer, der auch aus eigenem Gewissen heraus gehandelt hat."

António Sousa Mendes: "Für mich als Kind war er ein liebenswerter Mensch. Das ist es ja, was Kinder wollen: dass die Erwachsenen, in diesem Fall eben mein Großvater, ihre Freunde sind und mit ihnen spielen. Ich glaube, wenn jemand so ein schweres Leben hat, dann hilft es ihm sehr, wenn er lacht. Viele Menschen können über sich selbst lachen, und auch er konnte das auch."

Der Portugiese Aristides de Sousa Mendes rettete im Jahr 1940 Tausende NS-Flüchtlinge. Als Generalkonsul von Bordeaux in Frankreich setzte er sich über den Befehl des portugiesischen Diktators António de Oliveira Salazar hinweg und stellte den Menschen Visa für Portugal aus. Für seinen Ungehorsam wurde er hart bestraft: seine Familie wurde in Portugal geächtet, Aristides de Sousa Mendes starb in Armut. Wer war dieser Mensch und warum handelte er so?

Die Reise in die Vergangenheit beginnt in Portugal, in Cabanas de Viriato, einem kleinen Ort irgendwo zwischen der Universitätsstadt Coimbra und der Hafenstadt Porto im Norden des Landes. Am Gartentor erwartet mich Luis Fidalgo von der Sousa Mendes Stiftung. Das Anwesen der Familie Sousa Mendes liegt malerisch zwischen sanften Hügeln mit üppiger Vegetation, Feldern und Äckern. Das Haus namens Casa do Passal ist ein breites einstöckiges Haus mit hohem Dach. Ein Kreuz an der Straßenecke und eine Christusstatue im Garten weisen auf die katholische Gesinnung der ehemaligen Bewohner hin, der weithin sichtbare Wetterhahn am Dach dreht sich im lebhaften Wind. Früher mag es herrschaftlich gewesen sein, heute ist das Haus verfallen, das Dach ist eingesunken, überall Glasscherben, kaum eine Tür ist intakt, die geschwungene Stiege in den ersten Stock in Trümmern, im Innenraum nur Schutt.

Luis Fidalgo: "Das alles sind Dinge, die hier bleiben sollten, sie gehören hier her. Dieser Schubladengriff aus Keramik zum Beispiel. All diese Dinge machen ja dieses Haus aus ... wie diese Schließe aus Metall."
In der Küche gibt es noch den alten Ofen, in dem für die vierzehnköpfige Familie Brot gebacken wurde. Und Luis Fidalgo findet im Schutt noch etwas anderes:
"Das ist eine Tonvase, die war Teil der Fassade. Wir müssen aufpassen, dass diese Dinge nicht verschwinden. Ich verstecke sie hier hinterm Ofen, dann geht sie nicht verloren."
60 Jahre nach dem Tod des Hausherrn Aristides de Sousa Mendes haben Bauarbeiten begonnen. Das Haus soll eine Art Museum werden, ein Ort für die Erinnerung und gegen das Vergessen, erzählt Luis Fidalgo:

"Nach so vielen Jahren - wir planen die Renovierung schon ewig - ist es endlich soweit. Als ich hier den ersten Kran gesehen habe, war ich so glücklich. Wahnsinn! Endlich! Ich war doch noch jung gewesen, als wir begannen, uns mit dem Haus zu beschäftigen, und heute bin ich 56 Jahre alt. Noch ist nicht viel passiert, aber besser spät als nie, nicht wahr? Ganz langsam geht hier endlich etwas weiter, das macht mich sehr froh. Hier sollen Menschen herkommen und sie sollen berührt werden. Denn es gab einen Portugiesen, der zufällig hier aus diesem Ort kam, damals war es ja ein kleines Dorf, und der hat sich mutig den Gesetzen entgegengestellt und dafür immense Opfer gebracht. Das ist, so meine ich, das Ziel und die Intention dieses Hauses."

Aristides de Sousa Mendes wurde 1885 in Cabanas de Viriato in eine katholische Aristokraten-Familie geboren. Er studierte Rechtswissenschaften, heiratete seine Cousine Angelina, mit der er im Laufe der Ehe 14 Kinder bekommen sollte und trat bald seinen Dienst als Diplomat an, wurde Konsul zweiter Klasse in Britisch-Guayana und ging ein Jahr darauf nach Sansibar. Später war er Konsul in San Francisco und Brasilien, 1926 kehrte er nach Portugal zurück. 1929 wurde er Generalkonsul in Antwerpen in Belgien und wechselte 1938 nach Frankreich ans Konsulat von Bordeaux.

Die politische Situation in Europa war damals bereits mehr als angespannt - 1938 kam es zum  Anschluss Österreichs, zur Reichsprogromnacht, zu ersten Vertreibungen der jüdischen Bevölkerung. Die Historikerin Irene Pimentel aus Lissabon hat sich mit der Rolle Portugals vor dem und während des Zweiten Weltkrieges beschäftigt:
"Rundherum schlossen alle Länder ihre Grenzen und Portugal unterschied sich da nicht besonders von den anderen. Ich bin der Meinung, Portugal tat einfach das, was die anderen taten. Es gab ja dieses Gesetz für die limitierte Einreise nach Schweden, das Portugal im Jahr 1938 praktisch kopierte. Und damals, so glaube ich, sprach man erstmals das so genannte Judenproblem an. Das heißt: Auch wenn es keinen Antisemitismus in der Ideologie Salazars gab - und ich glaube, dass es keinen gab - wusste man natürlich dennoch genau, dass die Menschen, die auf der Flucht waren, größtenteils Juden waren. Und das nutzten natürlich auch Hitler und den Nationalsozialisten, weil sie wussten, dass niemand diesen Menschen helfen oder ihnen Zuflucht gewähren würde."
 

copyright: Fundação Aristides de Sousa Mendes


Wenige Monate später, am 1. September 1939 begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Europa brach auseinander. Doch wo stand Portugal? Gleich zu Beginn erklärte es sich neutral, so konnte es die gegensätzlichen Interessen der Krieg führenden Parteien zum eigenen Vorteil nutzen. Das portugiesische Regime lieferte Güter wie Wolfram, Schuhe oder Öle an beide Seiten und ließ die Propaganda sowohl der Achsenmächte als auch der Alliierten zu. Diktator António de Oliveira Salazar regierte autoritär, schränkte die Meinungsfreiheit in seinem Land massiv ein und ließ Andersdenkende durch die politische Polizei verfolgen, eine Mobilisierung der Massen oder einen Personenkult nach dem Vorbild Hitlers lehnte er jedoch strikt ab. Und in der Flüchtlingsfrage stellte sich Portugal als reines Transitland dar, erläutert der in Lissabon lebende Historiker Ansgar Schaefer:

"Die Idee von Portugal war immer, sich möglichst versteckt zu halten, wollen wir es mal so sehen. Dass also die Weltöffentlichkeit gar nichts von dem Land bemerkt, so dass es gar nicht dazu kommen kann, dass die Leute, also die Flüchtlinge, sich entscheiden könnten, nach Portugal zu gehen."
Und die Menschen, die sich doch für Portugal als Exilland entschieden, sollten nur kurz im Land bleiben und schnell wieder verschwinden:

"Natürlich ist in der aktuellen Situation damals, also im September 39, jedes Land, das auch nur einen kurzfristigen Aufenthalt gewähren würde, ein Art Paradies. Man musste also versuchen, aus der Hölle zu entkommen, und dann ist es natürlich so gewesen, dass gerade wegen dieser Situation - dass Portugal selbst als Transitland attraktiv war und eine temporäre Zuflucht bieten würde -, dass da der portugiesische Staat natürlich wiederum reagierte und dadurch, dass er die Einreisebeschränkungen auf die Leute reduzierte, die erstens die Garantie gaben, dass sie ausreisen konnten und wenige Monate später tatsächlich auch im Besitz einer Schiffspassage sein mussten, dadurch war natürlich der Kreis der in Frage kommenden Personen minimal."



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Fundação Aristides de Sousa Mendes

Außerdem stellte Diktator Salazar im so genannten Circular Catorze, dem 14. Rundschreiben an alle Diplomaten, klar, dass vertriebenen Juden keine Visa mehr ausgestellt werden durften. In Bordeaux widersetzte sich Generalkonsul Aristides de Sousa Mendes bereits 1939 diesem Befehl und stellte dem jüdischen Professor Arnold Wiznitzer aus Wien ein Visum aus, die Bitte um Autorisierung telegrafierte Sousa Mendes erst danach nach Lissabon. Der negative Entscheid kam zu spät, die Wiznitzers hatten die Grenze bereits überschritten, erzählt Werner Hanak vom Jüdischen Museum in Wien:

"Das ist, soviel ich weiß, der erste Fall, der sozusagen bis nach Lissabon gegangen ist, wo er dann auch vom Ministerium verwarnt wurde, eben solche Visa auszugeben. Er hat sich dann gerechtfertigt, er hat gesagt: I considered it a duty of elementary humanity to prevent such a calamity. Es ist sehr berührend, wie er da einfach sehr menschlich argumentiert. Das war für ihn selbstverständlich, das so zu machen."

Am 14. Juni 1940 kapituliert Paris. In Bordeaux verschärft sich die Flüchtlingssituation. Täglich kommen Hunderte Menschen in die Stadt, alle wollen weg aus Frankreich. Alle wollen ein Visum für Portugal. Friedrich Torberg, der Österreich 1938 über Zürich und Paris verlassen hatte und in Bordeaux auf ein Visum wartete, schreibt später in seinem Buch "Eine tolle, tolle Zeit":
Zitat: Dieses Bordeaux war nicht der erschütterndste, aber unbedingt der unheimlichste Anblick und Eindruck, von allen, die ich hatte. Die Bevölkerung hatte sich mindestens vervierfacht, die Fahrbahnen waren von Autos, die Trottoirs von Menschen verstopft, Leute kampierten und schliefen auf offener Straße - und trotzdem wickelte sich ein überdimensional geregeltes Leben ab.
Generalkonsul Aristides de Sousa Mendes ist beim Anblick der Menschenmassen vor den Türen des Konsulats hin und hergerissen. Wem sollte er gehorchen? Dem Staat oder seinem Gewissen? Er war ja schon zuvor zurechtgewiesen worden, und musste mit Konsequenzen rechnen. Der Enkelsohn António de Sousa Mendes erzählt:

"Es gibt keine höhere Autorität als die Gottes. Gott steht immer an höchster Stelle. Er musste also auf sein Gewissen hören. Und daher entschied er sich drei Tage nach dem Einmarsch in Paris, dem Diktator nicht zu gehorchen."
Am 17. Juni öffnet Aristides de Sousa Mendes die Türen des Konsulats und gibt seinen Mitarbeitern die Order, ab sofort jedem ein Visum auszustellen, der eines benötigte:

"Es waren Visa für alle, vollkommen unabhängig von Abstammung, Nationalität oder Religion. Er hatte allen die Türe aufgemacht."
Der Konsul berät sich mit seiner Frau Angelina, hat ihre volle Unterstützung. Dann arbeitet er gemeinsam mit zwei seiner Söhne, einem befreundeten Rabbi und allen Mitarbeitern unermüdlich:

"Füllfeder, Stempel und Papier - mehr brauchte er nicht. Damals gab es ja Leute, die hatten keinen Pass. Wer denkt schon an seinen Pass, wenn er aus seinem Haus fliehen muss."
Für eine genaue Katalogisierung ist keine Zeit:

"Ab dem 17. Juni wurden ja die meisten Visa ausgestellt. Und ab diesem Zeitpunkt waren die Visa kostenlos. Und das sage nicht nur ich, das ist durch andere Quellen belegt, sie waren kostenlos. Dieser Aspekt ist sehr wichtig."
Aristides de Sousa Mendes weiß, dass die Zeit knapp ist, bald wird Lissabon von seinen Aktivitäten erfahren und ihn abberufen. Er isst kaum, schläft nur wenige Stunden. Er fährt von Bordeaux nach Bayonne und stellt auch dort Visa aus. Weiter geht es an die Grenze. "Mein Ziel war es, alle zu retten", sollte er später in seinem Verteidigungsschreiben anmerken. In seinem eigenen Auto, das für seine große Familie zu einem Kleinbus ausgebaut worden war, bringt er Flüchtlinge über die Grenze, erzählt António de Sousa Mendes:
"Er hatte einen Text auf Französisch aufgesetzt, in dem es hießt: die portugiesischen Behörden bitten die spanischen Behörden den Überbringer dieses Papiers, dieses Dokuments, passieren zu lassen, weil es sich um einen Kriegsflüchtling handelt, der sich auf dem Weg nach Portugal befindet."

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Fundação Aristides de Sousa Mendes


Am 26. Juni ist alles vorbei. Frankreich hat den Waffenstillstand unterzeichnet, die Deutschen sind in Bordeaux. Der Großteil der Flüchtlinge hat es noch außer Landes geschafft. Am 4. Juli wird Aristides de Sousa Mendes nach Lissabon beordert und wegen vorsätzlichen Ungehorsams und Amtsverletzung angeklagt. Ein langer Rechtsstreit um Sousa Mendes beginnt, sagt der Historiker Ansgar Schaefer:

"Sowohl seitens der Anklage als auch seitens der Verteidigung hatte man versucht darauf zu plädieren, dass Sousa Mendes in dem Moment, in dem er diese Visa erteilte, tatsächlich geistig nicht zurechnungsfähig war. Und Sousa Mendes selbst hat gesagt, dass er aus rein humanitären Gründen gehandelt hat, die sich über alle Gründe stellen, die man mit Staatsräson oder mit Anweisungen oder mit Befehlen vergleichen könnte. Er hat sich total abgesetzt von dem, was alle anderen sagten. Er selbst hat wirklich seine Position angenommen und ist bewusst das Risiko eingegangen, dass ihm tatsächlich das passieren würde, was ihm dann ja auch passiert ist. Meines Erachtens ist das ein entscheidender Schritt hier. Selbst noch einmal zu erklären: es gibt einfach Dinge, die über alles andere gestellt werden müssen."
Und seine Kollegin Irene Pimentel fügt hinzu:
"Seine Argumente sind sehr interessant, denn einerseits stützt er sich auf die portugiesische Verfassung von 1933, die besagt, dass niemand aufgrund seiner Abstammung, Religion oder Geschlecht verfolgt werden dürfe. Und andererseits bezieht er sich auf die Inquisition und die Verantwortung Portugals in Bezug auf die damalige Verfolgung der Juden. Sousa Mendes war der Meinung - und er ist nicht der einzige Diplomat, der das sagte, aber er sagte es nicht nur, sondern tat es -, nämlich, dass nun der Zeitpunkt gekommen wäre und Portugal wiedergutmachen könnte, was damals im 16. und 17. Jahrhundert passiert war, also die erzwungenen Konversionen, die Vertreibung und so weiter."
Doch Diktator Salazar bleibt hart, kein einziges Mal reagiert er auf die Ansuchen Sousa Mendes um ein persönliches Gespräch. Der ungehorsame Konsul wird in den vorzeitigen Ruhestand geschickt, das stark gekürzte Gehalt kommt monatelang unregelmäßig oder gar nicht. Die Familie Sousa Mendes wird in Portugal geächtet. Fast alle Kinder verlassen das Land, suchen ihr Glück in Belgien oder den USA. Teile des Familienbesitzes werden verkauft, das Haus in Cabanas verfällt. Nach Kriegsende brüstet sich Diktator Salazar damit, alles für die Kriegsflüchtlinge getan zu haben, Sousa Mendes erwähnt er nicht. Enkelsohn António, Mitglied der portugiesischen Sousa Mendes Stiftung meint:

"Wer die Apokalypse gesehen hat, für den relativiert sich alles andere."

Heute ist Aristides de Sousa Mendes in Portugal bekannt. Doch er ist nicht unumstritten: Zu lange lebte das Land unter einer Diktatur, absoluter Gehorsam war und ist für viele noch immer selbstverständlich. Die Historikerin Irene Pimentel und ihr Kollege Ansgar Schaefer setzen sich dafür ein, dass Sousa Mendes Handlungen anerkannt werden:

"Historiker dürfen nicht werten, aber ich gehe oft in Schulen und da sage ich dann Folgendes: Ich mag das Wort Held nicht, aber das Wort ist nun einmal da, um benutzt zu werden. Und die Jugendlichen verstehen, was ich damit sagen will. Er ist einer der Helden Portugals, ein ganz normaler Mann, der im richtigen Moment zwischen Gut und Böse entscheiden musste, diese grundlegende Frage also, und der das Gute wählte und Menschen rettete. Diese Eigenschaft ist es, die uns interessiert. Er ist ein Vorbild: Unter bestimmten schwierigen Umständen, die sich vielleicht wiederholen, sollten wir uns an ihn erinnern und wie er handeln. Manchmal müssen wir uns widersetzen."
"Die zentrale Thematik ist die interessanteste hier: Die Entscheidung zwischen Gewissen und Gehorsam. Und dass man eben in ganz gewissen Situationen, in Extremsituationen, das eigene Gewissen wählt und nicht den Gehorsam, der viel leichter ist. Es gibt nichts Leichteres als sich nachher zu verstecken hinter Befehlen. Und das ist natürlich, meines Erachtens, eine Entscheidung, die ihn tatsächlich aus dem nationalen Kontext heraushebt und praktisch zu einer universalen Figur, einer universalen Berühmtheit hervorheben müsste. Und er hat das aus eigener und individueller Überzeugung und Entscheidung getan. Und deshalb setzt er eigentlich ein Exempel, ein Exempel, das eigentlich überragend ist, für alle Zeiten, würde ich sagen."

Der Großteil der Menschen, die von Aristides de Sousa Mendes gerettet wurden, waren politisch Vertriebene und Juden. Sie kamen aus Belgien, Polen und viele aus Österreich. Zum Beispiel die Familie Zwiebel, Herbert und Anna Blaukopf, Hermann Klopper oder Jolanda und Eugenie Zahlmann. Es finden sich auch einige prominente Namen: Der Schriftsteller Friedrich Torberg bekam das Visum lautend auf seinen Taufnamen Friedrich Kantor am 19. Juni 1940. Gemeinsam mit dem Drehbuchautor Otto Eisler schaffte er es bis Lissabon und von dort in die USA. Die von den Nationalsozialisten per Steckbrief gesuchte ehemalige österreichische Kaiserfamilie Habsburg konnte mit den von Sousa Mendes ausgestellten Visa Frankreich verlassen. Der 28-jährige Kronprinz Otto reiste unter dem Namen Otto Bar, bei ihm waren alle sieben Geschwister, seine Mutter Zita von Bourbon-Parma, deren Mutter Antónia von Braganca und der befreundete Graf Heinrich Degenfeld. Noch im Juli 1940 reisten sie weiter in die USA. In einem Dankesschreiben aus dem Jahr 1968 an Joana Mendes, eine Tochter des Konsuls, heißt es:
Zitat: [...]Otto of Habsburg will forever be deeply grateful to your father for the noble way in which he had also helped, in this dangerous moment, him and his entire family by giving them immediately the necessary visas for Portugal [...].
Auch der spanische Künstler Salvador Dalí und seine Frau Gala, die Spanien wegen des Bürgerkriegs 1936 verlassen hatten, bekamen am 20. Juni 1940 Visa für Portugal und reisten von dort in die Vereinigten Staaten.

Für wenige Monate wurde Lissabon zum Zentrum für Flüchtlinge aus ganz Europa. Sie warteten auf einen Platz auf einem der Schiffe, wollten weiter nach Brasilien, Mexiko oder in die USA:

"Der Höhepunkt ist ja praktisch das Jahr 1940. Wir sprechen also doch im Prinzip vor allen Dingen von drei Monaten, vielleicht August, September, Oktober, so in der Art. Da haben wir tatsächlich diese Tausenden von Menschen hier. Das waren nicht nur jüdischen Flüchtlinge, es waren natürlich auch Leute, die kamen einfach, es gab Amerikaner, es gab Engländer, es gab Franzosen, die keine Juden waren. Aber wie gesagt, wir sprechen von drei Monaten in nahezu 30 Jahren."
"Mir gefällt das Bild einer Welle. Die kommt und geht."
Soweit die Historikerin Irene Pimentel und zuvor der Historiker Ansgar Schaefer.

copyright: Fundação Aristides de Sousa Mendes


Wie viele von diesen Menschen tatsächlich von Aristides de Sousa Mendes gerettet wurden, ist umstritten, Historiker sprechen von bis zu 30.000, davon 10.000 Juden, sagt Werner Hanak vom Jüdischen Museum in Wien:
"Glücklicherweise hat er ja sozusagen die Pässe gestempelt und die Visas (sic!) gestempelt und nicht darüber Buch geführt und die Zeit damit verschwendet Aufzeichnungen zu machen, wer da jetzt was gegeben hat, sondern sozusagen Erste Hilfe geleistet, so dass die Leute so schnell wie möglich weiter können. Deswegen ist da die Aktenlage schwierig."

Aristides de Sousa Mendes starb 1954 nach drei Schlaganfällen in Lissabon. Sein Tod wurde in Portugal zunächst ignoriert, seit den 1960er Jahren gilt er als einer der Gerechten unter den Völkern von Yad Vashem, der Gedenkstätte in Jerusalem, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie wissenschaftlich dokumentiert. Ende der 1980er Jahre wurde Sousa Mendes von der Regierung unter Präsident Mário Soares rehabilitiert. In Wien erinnert die Aristides de Sousa Mendes-Promenade bei der UNO-City an den Portugiesen. Und neben der portugiesischen kümmert sich auch eine US-amerikanische Stiftung um das Andenken, viele Angehörige von Geretteten wurden aufgespürt. Die Geschichten dieser Menschen sind auch die Geschichten von Aristides de Sousa Mendes, sagt Werner Hanak:

"Diese Geschichten leben jetzt auf der Welt weiter, sagen wir es einmal so. Und deswegen glaube ich auch, dass sobald hier mehr über Sousa Mendes gemacht wird und es größere Anlaufstellen gibt, die Geschichten sich auch mehren werden. Das wird sozusagen eine Kommunikationszentrale, und Orte wie ein Haus, in dem er gelebt hat, sind da auch sinnvoll."



copyright: Fundação Aristides de Sousa Mendes

In Cabanas de Viriato, in jenem Ort, der der Familie stets ein Zufluchtsort war, und wo das Anwesen derzeit renoviert wird, grenzt der Friedhof gleich an das Grundstück. Ich gehe den kurzen Weg mit Luis Fidalgo von der Stiftung. Am Grabmal der Familie Sousa Mendes, einem schlichten Mausoleum aus hellem Stein, endet der Spaziergang durch die Vergangenheit:

"Hier, in diesem Sarg liegt Aristides, da in der Mitte. Darunter liegt José Sousa Mendes, das war sein Vater. Die Juden legen immer ein Steinchen auf den Sarg, zu Ehren des Verstorbenen. Sehen Sie dort die Steinchen? Also, das war´s, und das gehört ja dazu, das ist ein Teil des Weges, ein Teil der Geschichte, ein Teil des Lebens. Ja, hier endet alles."


Buchtipps:
Fralon, José-Alain: Der Gerechte von Bordeaux (Deutsch von Manfred Flügge). Urachhaus, 2011
Louro, Sónia: O Cônsul Desobediente (portugiesisch). Saída da Emergência, 2013