Freitag, 28. November 2014

Der Wind oder das himmlische Kind. Eine Kulturgeschichte.


Kontext, 28. November 2014

Er umgibt uns ständig, erfreut uns an heißen Tagen mit etwas Abkühlung, wirbelt im Herbst die Blätter durcheinander und kann mit seiner unbändigen Kraft fürchterliche Schäden anrichten: Der Wind. Der Wind begleitet die Menschheit seit Anbeginn, beeinflusst unsere Kultur von der Landwirtschaft über die Technik bis zur Philosophie. Stephan Cartier hat eine Kulturgeschichte des Windes geschrieben, erzählt von Abenteuern, Irrfahrten und Aberglauben – und erklärt Phänomene, über die wir bisher wenig nachgedacht haben, weil sie uns alltäglich erscheinen.

Vom leichten Lüftlerl über die steife Brise bis zum brüllenden Orkan - der Wind weiß uns immer wieder zu überraschen. Seit der Antike wird er erforscht, beeinflusst er doch das Leben der Menschen stetig und nachhaltig. Der Wind selbst ist unsichtbar, wir sehen nur, was er mit uns und der Natur so alles anstellt. Oder wir bemerken, wenn er einfach einmal nicht da ist:

Zitat:
Die Gleichsetzung von Sturm und Windstille in ihren Auswirkungen auf den Menschen, der sich auf das Meer begeben hat, ist ein alter Topos, dem man bereits in einer Sammlung antiker griechischer Epigramme, der ANTHOLOGIA PALATINA, begegnen kann. Hier wird beispielsweise von einem Nicophemos berichtet, der bei Windstille auf dem Meer verdursten muss, weil die Winde sich verschworen haben - was für Seeleute genauso schlimm sei wie Sturm.

Flaute - ein Horror für Kapitäne und Seeleute. Das musste auch Johann Wolfgang von Goethe erleben, bei einer Überfahrt vom sizilianischen Messina nach Neapel. Der Wind schwieg und das Schiff trieb immer näher an die Felsen der Insel Capri. Die Lage spitzte sich zu, doch Rettung nahte - in Form eines leichten Windhauches. Das Schiff entkam den garstigen Klippen. Später verarbeitete Goethe die Erlebnisse in seinem Text "Italienische Reise". Friedrich Nietzsche wiederum mochte die Windstille, er fand Gefallen an den griechischen Halkyonischen Tagen, benannt nach der antiken Geschichte von den Eisvögeln, zu deren Brutzeit der Gott des Windes, Aiolos, die Winde ruhen ließ. Diese windstillen Tage rund um die Wintersonnenwende dienten als Phase der Entspannung.

Zitat:
Nietzsche nutzt diesen Mythos, um sein Ideal der Gelassenheit gegenüber der Hysterie einer dekadenten Gesellschaft an eine intellektuelle Tradition anzuschließen, und die Pyrrhonische Skepsis klingt laut nach, wenn er an seinen Freund Franz Overbeck im Dezember 1888 schreibt, dass das Ende der Selbstfindung und der Selbstzweifel "die vollkommene Windstille der Seele" sei.

Humorvoll, eloquent und anschaulich erzählt Stephan Cartier die Geschichte des Windes. Er verfolgt Spuren, die der Wind in Literatur und Kunst hinterlassen hat und beschreibt so manch skurille Tradition. Etwa das heidnische Windfüttern, das es bis ins 19. Jahrhundert in Österreich und in Süddeutschland gab.

Zitat:
Die Situation vor den hohen Herren des Gerichts war für den Bäcker und Wirt Georg Hollerspacher nicht eben behaglich. Wer den Eingang zum Tabor, also dem Kerker für Hexen und Zauberer, der Stadt Feldbach in der Steiermark heute sieht, kann erahnen, wie sich der Mann vor den Inquisitoren gefühlt haben mag. Die Treppenstufen führen hinab zu einem Tor, hinter dem es sehr, sehr dunkel aussieht.

Was hatte der arme Mann getan, dass er sich den Zorn der Hohen Herren auf sich gezogen hatte? Er hatte versucht, den Wind versöhnlich zu stimmen, sodass es eine gute Ernte gab, hatte ihm Mehl, Brösel und andere Speisereste in einem Topf ans Hauseck gestellt. Hexerei, entschied das Gericht.
Mit Hilfe vieler literarischer Zitate und zahlreicher Abbildungen lässt der Autor den Leser in die Vergangenheit reisen, ins aerodynamische Laboratorium Gustave Eiffels, in die Arktis, wo Polarforscher sich mit dem Phänomen des gefühlten Windes, dem Windchill, beschäftigten, oder zu den Anfängen der Windenergieanlagen, die ab und zu die Phantasie der Ingenieure etwas zu sehr beflügelten.

Zitat:
Der größte Phantast dieser Gigantomanie war der deutsche Ingenieur Hermann Honnef. Schon in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte er auf dem Papier Windkraftanlagen, die enorme Höhen erreichten und mehrere Rotoren kombinierten. Ein geradezu expressionistisch anmutendes Kraftwerk war der 1932 entworfene Riesenturm mit fünf Windrädern, von denen jedes einen Durchmesser von 160 Metern besitzen sollte und der bis zu 250 Meter in den Himmel hinauf ragte.

Der Wind hat den Menschen seit Anbeginn beeinflusst, laut Altem Testament hat er ihn erst lebendig gemacht, als Hauch Gottes. Er war verantwortlich für wirtschaftliche Erfolge und landwirtschaftliche Erträge, brachte Dürre oder Regen.

Zitat:
Die Begründungen, warum welche Witterungslage welchen Gemütszustand produziert, variieren, aber stets wird der Wind als die wichtigste Kraft genannt, die die Launenhaftigkeit produziert. Er dient als globales Stimmungsbarometer.

Ein schlaues Buch, das versucht, ein alltägliches Phänomen einzuordnen und zu erklären, in dem es aber auch viel Spielraum für Interpretationen gibt. Wer alle Kapitel von Windstärke Eins bis Windstärke Zwölf schließlich gelesen hat, wird hinausgehen, um den Wind auf der Haut zu spüren, er wird den Wind mit anderen Augen betrachten und seinem Pfeifen, Singen und Raunen mit aufmerksameren Ohren zuhören. Denn: der Wind, das himmlische Kind, lässt sich nicht so leicht fangen, er ist eben, was er ist: hier ein fleißiger Antreiber und dort ein launischer Rumtreiber.

Stephan Cartier:  Der Wind oder Das himmlische Kind. Eine Kulturgeschichte (Transitverlag, 2014)

Mittwoch, 5. November 2014

Lissabon: Hafen der Hoffnung.

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Dimensionen, 5. November 2014 

Zitat: Die ersten Tage einer paradiesischen Ruhe in einem paradiesischen Lande sind unvergeßlich, nach der Qual der letzten Monate.

So beschreibt Alma Mahler-Werfel in ihrem 1960 erschienenen Buch "Mein Leben" die Ankunft in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon, nach der beschwerlichen Flucht von Frankreich zu Fuß über die Pyrenäen und weiter bis nach Portugal. Die Rolle, die das kleine Land während des Zweiten Weltkrieges spielte, ist wenig bekannt, obwohl Lissabon für Tausende österreichische und deutsche NS-Flüchtlinge ab 1939 wohl der letzte offene Hafen in die Freiheit war.

Die Sozialwissenschaftlerin Christa Heinrich: „ Also das war eine kleine Episode, eine Zwischenstation, die in der Regel sehr schnell durchlaufen wurde. Und ich glaube - ich vermute -, dass deshalb für viele auch dieses Portugal nicht sonderlich in Erinnerung geblieben ist. Aber, natürlich, dass es diese Möglichkeit gab, dass Portugal sich überhaupt als Transitland zur Verfügung gestellt hat, hat unendlich vielen Menschen das Leben gerettet."


Österreicher im portugiesischen Exil

Wir schreiben den 26. Juni 1940. Vor vier Tagen hat Frankreich vor Nazi-Deutschland kapituliert. Portugal macht seine Grenzen so gut wie dicht. Allein in den vergangenen Tagen sind rund 18.000 Menschen aus Angst vor der Verfolgung durch das NS-Regime ins Land gekommen, viele mit zweifelhaften Papieren und auf illegalen Wegen.
Portugal hatte bis Mitte 1938 recht lockere Einreisebestimmungen gehabt, Deutsche und Österreicher brauchten nur einen Pass, konnten ihren Aufenthalt immer wieder verlängern. Als im September 1939 der Krieg begann und sich die Flüchtlingssituation immer mehr zuspitzte, verschärfte Portugal seine Einreisebestimmungen. Juden und politisch Verfolgte brauchten ein Transit-Visum, gültig für 30 Tage. Außerdem mussten sie ein Visum für ein Land in Übersee vorweisen können und ein Ticket für die Schiffspassage.

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Die Sozialwissenschaftlerin Christa Heinrich ist eine der wenigen, die sich bisher mit dem Thema "Exilland Portugal" beschäftigt hat. In vielen Gesprächen habe sie erkannt, dass für die Flüchtlinge vor allem der Lissabonner Hafen eine zentrale Rolle gespielt hat: „Bis 1938 kamen sehr viele mit dem Schiff dort an, vor allen Dingen als der Landweg wegen des spanischen Bürgerkrieges versperrt war, kamen sie mit Schiffen aus Hamburg oder aus Rotterdam nach Lissabon und betraten dort sozusagen das Land, in dem sie möglicherweise tatsächlich bleiben konnten und auch wollten. Andererseits, ab 1940 - schon mit Beginn des Krieges 1939, aber hauptsächlich 1940 - ging es darum, Portugal möglichst schnell wieder zu verlassen, um aus Europa rauszukommen und weil Portugal zu der Zeit nur noch in absoluten Ausnahmefällen längere Aufenthaltsgenehmigungen erteilt hat. Eine Frau, sie ist als Kind als Flüchtling aus Berlin nach Portugal bekommen, sagte mir einmal: Wir sind fast jeden Tag an den Hafen gegangen, um Menschen zu verabschieden."

Die Flucht vor dem NS-Regime begann jedoch für viele in Wien. Seit den 1920er Jahren war die jüdische Gemeinde stark gewachsen, rund 200.000 Personen gehörten ihr damals an, erzählt Werner Hanak vom Jüdischen Museum in Wien. War die jüdische Bevölkerung zuerst vertrieben und ihres Besitzes beraubt worden, so waren die Novemberpogrome im Jahr 1938 der Beginn der systematischen Verfolgung und Ermordung. Alle wollten weg, soweit weg wie möglich.

Im Jüdischen Museum gibt es darüber einiges zu sehen, eine Grafik sticht besonders ins Auge. „Wir stehen hier vor einer großen Grafik, von dieser Grafik gibt es mehrere Exemplare, sie heißt: Die jüdische Wanderung aus der Ostmark. Das ist ein ganz euphemistischer Titel, nämlich für die Vertreibung und später auch für die Deportation der Wiener und österreichischen Jüdinnen und Juden. In Auftrag gegeben hat das wohl Adolf Eichmann und es ist so etwas wie ein PR-Plakat, wo er eigentlich seine Leistungen als jemand, der sozusagen die Vertreibung der Wiener Jüdinnen und Juden vorantreibt, ausstellen will. Links oben sehen wir groß geschrieben: 2. Mai 1938 - das ist der Tag, an dem die Kultusgemeinde unter der Kontrolle der Nationalsozialisten wieder begründet wurde - und den 31. März 1941 - das ist ein Datum, wo sozusagen diese Statistik endet. Wir sehen auch darin aufgelistet, wohin sind die Leute vertrieben worden, woher kommen sie, wie viele Jüdinnen und Juden waren damals in Wien, und wie viele sind am 31. März 41 noch da."

Und ein Detail dieser Grafik erscheint besonders perfide: „Was wir dann auch noch erkennen können - das wird hier genannt: Schematische Darstellung der für die Auswanderung anzulaufenden Ämter und Organisationen. Wenn man sich das anschaut, wird einem schwindlig, was die Leute, die fliehen wollten, die die Stadt verlassen wollten, um ihr Leben zu retten, alles durchlaufen mussten. Am Ende steht Passkontrolle, Grenzabfertigung und Gepäckskontrolle. Da sind sie bereits total beraubt ihrer sämtlichen Güter und konnten natürlich nur raus, wenn sie ein Visum eines anderen Landes hatten."

Unterstützt von der Israelitischen Kultusgemeinde gelang bis Ende 1941 Zehntausenden österreichischen Jüdinnen und Juden die Flucht.

„Die Leute wurden sozusagen von der jüdischen Gemeinde beraten, an wen sie sich wenden können, wo es jetzt Visa gibt, denn das war einfach auch eine Voraussetzung, dass man das Land verlassen konnte. Es wurde mit der Zeit natürlich auch immer schwieriger, bis der Krieg es unmöglich gemacht hat, das Land überhaupt zu verlassen im Jahr 41, aber auch im Jahr 40 kamen natürlich aus Wien nur noch sehr wenige Leute heraus, weil sich das Land ja im Krieg befunden hat. Dass sie das Land verlassen haben, hat ja, wie man weiß, nicht die Garantie gegeben, dass sie nicht doch noch von den Nationalsozialisten, von der Wehrmacht, von der Gestapo, irgendwo erwischt worden sind, eben in Frankreich zum Beispiel. Manche Leute sind nicht weit genug geflohen, um wirklich gerettet zu werden", sagt Werner Hanak vom Jüdischen Museum in Wien.

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Die, die es bis Südfrankreich geschafft hatten, versuchten dort, ein Visum für Portugal zu bekommen. Spanien unter Franco nahm keine Flüchtlinge auf. Lissabon war auch für viele Österreicherinnen und Österreicher das Ziel. Unter ihnen waren Schriftsteller wie Friedrich Torberg, Alfred Döblin und Franz Werfel mit seiner Frau Alma. Der Drehbuchautor Otto Eis, die Schauspieler Karl Farkas, Joseph Friman und Oskar Karlweis, die Schauspielerin und Aktivistin Hertha Pauli, die Widerstandskämpferin Lisa Fittko, der Journalist Eugen Tillinger. Aber auch die von den Nationalsozialisten gesuchte ehemalige österreichische Kaiserfamilie - Otto Habsburg, seine Mutter Zita und weitere Familienmitglieder. Sie alle drängten sich in den Straßen und warteten vor den Toren der Konsulate.

Alfred Döblin schreibt in seinem Buch "Schicksalsreise":
Zitat: Zwischen uns Exilierten besteht keine Solidarität. Wir hatten schon vorher sehr privat unser Privatleben geführt; jetzt dichteten wir uns noch besonders ab. Man sah den andern auf dem Konsulat und nickte: "Aha, du bist auch hier", und keiner verriet, was er vorhatte und auf wen er rechnete. Man bewahrte sein Geheimnis. Mißtrauen, Furcht, der andere könnte sich an dieselbe Stelle wenden und ihm zuvorkommen. 

Als Fluchthelfer fungierten einige Diplomaten, allen voran der Portugiese Aristides de Sousa Mendes, der illegal Visa ausstellte und Pässe fälschte, oder auch der European Film Fund, der Filmschaffenden und Autoren Arbeitsverträge in Hollywood verschaffte - Voraussetzung für die Einreise in die USA. Aber auch mehrere Hilfsorganisationen wie Joint Distribution Comittee oder Emergency Rescue Comittee sammelten private Spenden für die Flüchtlinge und organisierten den illegalen Grenzübergang nach Spanien, sagt die Sozialwissenschaftlerin Christa Heinrich: „Die Werfels und Heinrich Mann, Golo Mann, sind miteinander in einer Gruppe zu Fuß über die Pyrenäen nach Spanien gegangen. Und das hatte den Hintergrund, dass zu der Zeit im Vichy-Frankreich der Besitz eines Ausreisevisums die Voraussetzung dafür war, um überhaupt aus Frankreich rauszukommen. Und viele, wie Heinrich Mann oder Werfels oder auch Feuchtwangers, die sind ja auch zu Fuß über die Pyrenäen gegangen, sind das Wagnis nicht eingegangen, in Frankreich nach einem Ausreisevisum zu fragen überhaupt. Weil man wusste, dass die deutsche Seite über all diese Anträge auch informiert wurde, das war viel zu gefährlich."

Manche kamen also zu Fuß, andere versteckt in Diplomatenautos, wieder andere durchquerten Spanien in versiegelten Zügen.

Bei ihrer Ankunft erschien den Vertriebenen Portugal trotz der herrschenden Diktatur als Paradies, die Flüchtlinge sprachen später in Abgrenzung zum deutschen Nationalsozialismus von einer "Diktamoll" oder einer "Diktatur in Filzpantoffeln". Friedrich Torberg schreibt im Juni 1940 in einem Brief an seinen bereits in die USA emigrierten Freund Willi Schlamm:
Zitat: Die große Überraschung war Portugal. Wir kamen gegen ein Uhr nachts in der Grenzstation Vilar Formosa an. […] Über Nacht ließ man uns im Zug schlafen. […] Dann erfuhren wir, dass wir gegen Abend die Ortszuteilung bekommen würden (Lissabon ist gesperrt); mittlerweile wurden die vor uns Angekommenen abgefertigt, und dadurch wurden im Ort selbst wieder Betten frei, in kleinen, sehr sauberen Zimmern, bei netten, fassungslosen Leuten.


Ähnlich erlebte auch Alfred Döblin die Ankunft in Portugal:

Zitat: Wir sagten sofort: Portugal ist ein wunderbares Land. [...] Wir fuhren durch strahlend helle Straßen, auf denen sich Scharen fröhlicher Menschen bewegten. Ja, so mit Licht, Musik und Lachen empfing uns Lissabon.


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Und die ebenfalls aus Wien stammende Schriftstellerin Elisabeth Freundlich notierte:
Zitat: Ankunft also in Lissabon. Die Stadt ein Lichtermeer. Jetzt erst wurde uns so recht bewusst, dass wir lange Zeit in verdunkelten Städten gelebt hatten.

Um die Portugal betreffende Exilgeschichte verstehen zu können, muss man sich auch mit der politischen Situation beschäftigen, mit dem so genannten Salazarismus, also der Art von Diktatur unter António de Oliveira Salazar. Das Land hatte sich zu Beginn des Krieges strikt neutral erklärt, Alliierte wie Achsenmächte hatten dadurch Vorteile. 
Portugal konnte daher seine Grenzen nicht vollkommen schließen, erklärt die Sozialwissenschaftlerin Christa Heinrich: „Hinzu kommt, dass Portugal eine jahrhundertelange Vereinbarung mit England hat, ein Abkommen mit England, das immer noch sehr ernst genommen wurde. Und England hatte großen Einfluss auf die portugiesische Wirtschaft, und England hat sich natürlich auch dafür eingesetzt, dass es Lösungen für das damals so genannte Flüchtlingsproblem gab. Und ein Weg war, Lissabon offen zu halten als Sprungbrett nach Übersee, als Zwischenetappe aus Europa raus nach Übersee."

Rund 100.000 NS-Flüchtlinge fanden in Portugal während des Zweiten Weltkrieges vorübergehend oder längerfristig Zuflucht. Wie viele von ihnen aus Österreich kamen, ist noch wenig erforscht. Oft heißt es, der oder diejenige flüchtete zuerst nach Paris und später in die USA. Welchen Weg die Menschen dazwischen gingen, ist kaum bekannt. 
Die Wiener Historikerin Katrin Sippel will das ändern. Ziel ihrer Forschung ist eine Datenbank jener Österreicherinnen und Österreicher, die nach Portugal ins Exil gingen, oder von dort in ein anderes Zielland wie Brasilien, Mexiko oder die USA weiterreisten: „Ich würde gerne ein ausführliches Personenverzeichnis erstellen mit statistischen Daten zu Alter bei der Emigration, Herkunft, Fluchtwege, über welche Grenzen die Leute gekommen sind, welche Berufe sie hatten, um dann quantitative Auswertungen machen zu können. Der andere Teil ist eine qualitative Untersuchung von Fluchtgeschichten, Erlebnisberichten, Briefen, Tagebüchern."

Doch die Recherche ist schwierig, die Spurensuche aufwendig: „Ich bin noch relativ am Anfang meiner Forschung, habe aber schon ein Verzeichnis von knapp über einhundert Personen, mit Namen, zum Teil auch mehr Daten wie Geburtsdaten, Kurzbiografien. Eine Schätzung von Johnny Moser beläuft sich auf 300 Personen, die über Portugal geflüchtet sind, ich würde fast annehmen, aufgrund von meinen Untersuchungen, dass es mehr waren."

Teilweise fehlen die Aufzeichnungen, wie im Fall des portugiesischen Konsuls in Bordeaux, Aristides de Sousa Mendes, der ab einem gewissen Zeitpunkt aufhörte, über die ausgegebenen Visa Buch zu führen. Allein in einer Nacht soll er Visa für rund einhundert österreichische Flüchtlinge unterschrieben haben.

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Auf die Suche hat sich auch die Sozialwissenschaftlerin Christa Heinrich begeben, vor einigen Jahren hat sie noch mit Zeitzeugen gesprochen. Sie suchte vor allem nach jenen Menschen, über die bisher niemand berichtete, und sie fand sie. Sie fand auch Menschen mit österreichischen Wurzeln, wie Grete Friman geborene Ebermann, Paul Stricker und Yvette Davidofe: „Yvette Davidofe sprach immer wieder mit unendlicher Dankbarkeit davon, dass sie in diese Land konnte, und dass sie dort gut behandelt worden ist, dass sie dort keinen Antisemitismus spüren musste, und dass sie dort bleiben konnte. Yvette Davidofe hat sofort begonnen für den Joint, also für diese Hilfsorganisation, und für die Hilfsorganisation der jüdischen Gemeinde in Lissabon zu arbeiten und sie bleib auch Angestellte. Sie hat mir oft erzählt, nie, nie würde sie nach Wien zurück gehen, sie möchte Österreich nicht mehr sehen, und sie hat auch Menschen sehr kritisiert, die zurück gegangen sind, oder die auch nur besuchsweise zurück gegangen sind."

So froh die Menschen waren, endlich in Portugal zu sein, die Situation wurde nicht einfacher. Denn der Großteil der Menschen wollte weiter, lief von Amt zu Amt: „Das waren die Wände aus Papier, und diese Wände aus Papier haben sich für die Flüchtlinge sehr häufig als äußerst dramatisch dargestellt."

So hatten die Flüchtlinge zum Beispiel in ihrer Not ein Visum für irgendein Land gekauft, nur um aus Frankreich weg zu kommen. Friedrich Torberg hatte zum Beispiel ein Visum für Haiti. Christa Heinrich kennt andere Fälle: „Grete Friman zum Beispiel - die aus Wien stammte und von Wien nach Italien geflohen war und dann von Italien nach Lissabon, nach Portugal -, sie hatte, um nach Portugal gelangen zu können, ein Visum für Panama gekauft, und dieses Visum trug auch das Kleingedruckte, dass sie nur hätte nach Panama einreisen können, wenn sie ein Landungsgeld in erklecklicher Höhe bezahlt hätte. Und dieses Geld hatte sie natürlich nicht. Also für sie war klar: Sie kann überhaupt nicht nach Panama, aber sie kann nach Portugal. Und das war erst mal wichtig."

Und so strandeten Tausende Menschen in der portugiesischen Hauptstadt.
Zitat: Lissabon ist ausverkauft. […] Die Hotels sind überkomplett, man vermietet Badezimmer und legt Matratzen in die Korridore.

Das schrieb der Wiener Journalist Eugen Tillinger damals in der jüdischen Zeitschrift "Aufbau". 

Irene Pimentel ist Historikerin in Lissabon, sie erzählt, wie sehr sich Lissabon in jener Zeit, vor allem in den Sommermonaten im Jahr 1940er, verändert hatte: „Die Flüchtlinge fielen natürlich auf. Vor allem im Stadtzentrum. Die Menschen durften ja nicht arbeiten und hatten eigentlich nicht zu tun. Sie versuchten, ein Visum für die Weiterreise zu bekommen und natürlich das Ticket für die Überfahrt per Schiff, um von hier wegzukommen. Daher waren sie im Zentrum von Lissabon unterwegs. Das Zentrum ist ja klein, die Plätze Restauradores und Rossio, diese Zone eben. Und sie saßen gerne in den Cafés, sie mochten die Gastgärten auf den Straßen. Die Portugiesen saßen lieber drinnen und die Frauen gingen sowieso kaum in die Cafés!"

Die ausländischen Frauen erregten Aufsehen, sie trugen hochgesteckte Frisuren und kurze Röcke, sie rauchten in der Öffentlichkeit und in den Cafés, die traditionell von Männern besucht wurden. Erst zögerlich werden Erinnerungen an diese Zeit wach: „Je mehr Leute sich für das Thema interessieren, umso mehr Leute erinnern sich plötzlich wieder. Eine Dame der Lissabonner High Society, die damals ein junges Mädchen war, hat mir einmal erzählt, dass es ein Vergnügen war, zum Rossio-Platz zu gehen, um die Flüchtlinge zu beobachten. Aber weil man vor allem die ausländischen Frauen als freizügig empfand, setzte sie sich nie ins Café Suiça, sie blieb auf der anderen Seite. Jeder kennt die eine oder andere Geschichte, aber die wurden lange einfach verschwiegen."

Während des Krieges musste vieles im Geheimen passieren, war doch Lissabon aufgrund der politischen Lage Portugals irgendwo zwischen den kriegsführenden Ländern, ein Zentrum für Spionage.

„Die kriegsführenden Seiten brauchten natürlich ihre Zeitungen, um sich zu informieren und all diese Zeitungen gab es an den portugiesischen Kiosken: die französischen, die deutschen, die der Alliierten. Das ist nur ein Beispiel. Und dann war Portugal ein strategisch wichtiger Ort, hier am Atlantik. Es war für alle überaus wichtig, am Hafen zu spionieren. Hier liefen die Schiffe aus, einerseits nach Deutschland, und andererseits nach Übersee. Lissabon war eine Plattform der internationalen Spionage, für Informationen. Hier wurden heikle Geschäfte abgeschlossen und Waren ausgetauscht, da gibt es jede Menge Geschichten. Und vieles wurde überhaupt noch nicht erforscht und untersucht. So hat zum Beispiel sogar die SS selbst hier verhandelt, die Italiener haben sich hier beraten. Viele, viele Angelegenheiten wurden hier in Lissabon besprochen", sagt die Historiker Irene Pimentel.

Die Lage war also angespannt, und so konnte sich eine wirkliche Exilkultur, wie es sie in anderen Zufluchtsländern gab, in Portugal nicht entwickeln, sagt Christa Heinrich: „Alle hatten Angst davor, möglicherweise als Oppositionelle in Portugal verdächtig werden zu können, und man hat sich zurückgehalten. Es hieß damals, am besten hält man sich in Portugal aus allem Politischen heraus und dann kann man hier wunderbar leben. Und vor diesem Hintergrund sind kaum Exilstrukturen entstanden. Es gab kleine Ausnahmen, auf die ich zufällig mal gestoßen bin. Es gab Kabarett-Abende im Club Estefania in Lissabon, und diese Abende wurden unter anderem von Karl Farkas und Joseph Friman organisiert."

Der Titel eines dieser Abende lautete "Lissabon lacht wieder". Der Erlös kam den jüdischen Hilfsorganisationen zu Gute, die die Flüchtlinge versorgten.

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Schließlich leerte sich die Stadt langsam wieder. Die Menschen bestiegen Schiffe namens Mourinho, Nyassa, Serpa Pinto oder Nea Hellas. Friedrich Torberg wartete noch immer auf die ersehnte Karte für die Überfahrt. Ende September 1940 schreibt er seinem Freund Willi Schlamm:
Zitat: Ach, ich bin des Winkens müde... und zum Beispiel bringt euch also die nächste Hellas die Paare Polgar und Werfel-Mahler, Heinrich und auch Golo Mann, Feuchtwanger dürfte mittlerweile bereits angekommen sein.

Wenige Tage später stand Torberg selbst an Deck eines Schiffes in die USA. In jenen Tagen verließ auch Alfred Döblin die Stadt am Fluss Tejo. In seinem Buch "Schicksalsreise" beschreibt er den Abschied von Lissabon. Als er das Schiff bestieg, fand nahe der Stadt in Belém gerade eine große Ausstellung über das damals noch bestehende portugiesische Kolonialreich statt:
Zitat: In der Dunkelheit setzte sich das Schiff in Bewegung. Langsam wurde es gedreht und den Tejo hinausgeschleppt. Märchenhaft strahlte die Ausstellung herüber. Ihr zauberhaftes Licht war das Letzte, was wir von Europa sahen, in Trauer versenkt.

Und so verließen die allermeisten Flüchtlinge das Land wieder. Erleichtert, Europa den Rücken zu kehren, unendlich traurig, Familienangehörige und Freunde zurücklassen zu müssen.

Manche jedoch waren in Portugal gestrandet, konnten sich keine Schiffspassage leisten und hatten keine Bürgen in Übersee. Sie saßen fest, ihnen drohte die Ausweisung. Nach Intervention durch den Völkerbund und zahlreiche Hilfsorganisationen entschied das Salazar-Regime diese Menschen nicht zu vertreiben. Sie durften bleiben. Etwa der Schauspieler Joseph Friman und seine Frau Grete. „Für Grete Friman, sie hat mir das so erzählt, war das ein sehr großes Glück, und das hieß für sie: Sie wurde nicht mehr beschimpft auf der Polizei, du musst endlich gehen, ihr müsst endlich abhauen. Sie wurde nicht mehr unter Druck gesetzt, wenn sie ihre 30-Tage-Aufenthaltsgenehmigung verlängern lassen wollte. Es gab für sie - und so haben es viele andere auch empfunden - einfach die Situation: Wir sind geduldet, wir können jetzt hierbleiben", sagt die Sozialwissenschaftlerin Christa Heinrich. Das Ehepaar Friman führte später jahrelang eines der beliebtesten Restaurants in Lissabon. Auch der aus Wien stammende Paul Stricker baute sich eine neue Existenz auf, kaufte im Jahr 1944 einen ganzen Schwung defekter Füllfedern, reparierte sie und verkaufte sie wieder. Anfangs lief das Unternehmen unter dem Namen von Strickers portugiesischer Frau, er selbst hatte bis Kriegsende keine Arbeitserlaubnis. Heute ist die Firma „Paul Stricker und Söhne" ein Großhandel für Büromaterial.

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Viele der Menschen, die Christa Heinrich noch kennengelernt hat, wie Grete Friman oder Paul Stricker, die damals den weiten und beschwerlichen Weg von Wien nach Portugal gegangen sind, die alles zurückgelassen haben und in einem fremden Land wieder von vorne begannen, sind bereits verstorben. Die Exilforschung kommt für viele der Betroffenen zu spät. Die Sozialwissenschaftlerin hofft auf die nachkommenden Generationen: „Ich habe von ehemaligen Flüchtlingen erfahren, dass die Generation der Enkel, der Enkelkinder, sich wieder sehr für die Geschichte der Großeltern interessiert, also für die Geschichte derjenigen, die fliehen mussten und nach Portugal gekommen sind. Interessanterweise, oder das ist ja eigentlich auch bekannt, dass hat auch die Tochter von Paul Stricker mir erzählt, oft wollten die Eltern ihre Kinder auch verschonen, sie wollten die leidvollen Erfahrungen überhaupt nicht an ihre Kinder weitergeben, sie wollten es nicht erzählen, sie wollten es für sich behalten." 

Es gibt noch viele Archive, die nach Erinnerungen und Dokumenten durchsucht, viele Gesichter und Namen, die zusammengefügt und viele Fragen, die gestellt werden müssen, um diesen Teil der europäischen Geschichte aufzuarbeiten. Und zu verstehen, welche wichtige Rolle Portugal damals gespielt hat.


Literaturhinweise:

Döblin, Alfred: Schicksalsreise. (Verlag Josef Knecht 1949) 
Heinrich, Christa: Zuflucht Portugal. Exilstation am Rande Europas. In: Filmexil 16 (Oktober 2002), S. 4-32 
Mahler-Werfel, Alma: Mein Leben. (S. Fischer Verlag 1960) 
Torberg, Friedrich: Eine tolle, tolle Zeit. Briefe und Dokumente aus den Jahren der Flucht 1938 – 1941. (Langen Müller 1989)

Freitag, 10. Oktober 2014

Foodmonopoly.


Kontext, 10. Oktober 2014

Die schwedische Journalistin Ann-Helen Meyer von Bremen und der ehemalige Landwirt Gunnar Rundgren waren in den USA, in Indien und Brasilien, in Schweden und den Niederlanden. Sie wollten sehen, ob es dort Voraussetzungen für ökologische und nachhaltige Landwirtschaft gibt, und ob bereits über herzeigbare Projekte und Ergebnisse berichtet werden kann. Im Buch Foodmonopoly – das riskante Spiel mit billigem Essen haben sie viele Antworten auf ihre Fragen gefunden. Ihr Fazit: die Situation der weltweiten Landwirtschaft derzeit ist schlimm – aber nicht hoffnungslos.

Wir leben in einer Zeit des gutgefüllten Kühlschranks. Und fehlt etwas, dann sind es für Städter meist nur ein paar Schritte zum nächsten Lebensmittelgeschäft. Und auch wenn sich so manch einer im Supermarkt am Joghurt-Regal überfordert fühlt, stehen doch von jeder Sorte meist mehr als eine Handvoll Varianten und Hersteller zur Verfügung, im Gegensatz zu früher leben wir heute in einem weltweiten Schlaraffenland. Oder doch nicht? 
Zitat: Als ich ein Teenager war, gab es Fetakäse nur aus Griechenland. Heute gibt es ihn in unzähligen Varianten, doch geschmacklich gibt es nahezu keine Unterschiede, weil so gut wie niemand um den Geschmack konkurriert, sondern nur um den Preis, die Verpackung und das Image. Die große Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten, die Landwirte über Generationen gezüchtet haben, ist auf einige wenige Sorten und Arten zusammengeschmolzen. Mit nur drei Getreidesorten – Weizen, Mais und Reis – werden heute 60 % des weltweiten Kalorienverbrauchs gedeckt. 

Massentierhaltung, Monokultur, Gentechnik, der Einsatz von Pestiziden und das Abholzen von Wäldern – all das wird mit der wachsenden Weltbevölkerung erklärt, die man in Zukunft ernähren müsse. Nachhaltige Produktion und Bioanbau seinen dazu nicht geeignet, sagt die industrielle Landwirtschaft. Viel zu viel Aufwand und viel zu wenig Output. Doch wo bleibt die Qualität, wenn alles nur noch industriell produziert wird, und welchen Preis zahlen wir dafür?

Ein Beispiel aus dem Buch: Brasilien, Bundesstaat Mato Grosso, ein Land geprägt von Monokultur und Rinderzucht. 
Zitat: Heute ist Mato Grosso der größte Soja- und Baumwollproduzent Brasiliens und 14 Prozent der gesamten Fleischproduktion entfallen auf diesen Bundesstaat im Inneren des größten südamerikanischen Landes. Doch Mato Grosso ist auch führend in der Rodung von Wäldern zur Gewinnung neuer Weide- und Ackerflächen. Zwei Fünftel des Waldes und die Hälfte der Savanne sind vor allem in den letzten zwanzig Jahren in Agrarflächen umgewandelt worden. 
Brandrodung und die Vertreibung indigener Stämme sind Schlagworte, die uns in Europa immer wieder erreichen.

Aber es geht auch anders, das zeigt der Betrieb von Luis und Maria Vieira am Rand des Amazonaswaldes. Vor zwanzig Jahren haben sie den kargen und trockenen Nordosten Brasiliens verlassen, ihnen wurde ein Stück Land zugewiesen, sie bekamen Beihilfen und günstige Kredite. Einen Teil ihrer 100 Hektar bewirtschaften sie als Agroforstwirtschaft. Dabei wird in nachwachsender Biomasse und im Boden Kohlenstoff gebunden. Luis und Maria bekommen dafür Ausgleichszahlungen von Verursachern von Kohlenstoffemissionen. In Brasilien unterstützt die halbstaatliche Ölgesellschaft Petrobras diese Projekte.
Zitat: Stolz führt uns Luis durch seine Agroforstwirtschaft, die auf knapp einem Fünftel der 100 Hektar Land betrieben wird. Hier wachsen Kaffeesträucher, Kakaobäume, Bananenstauden, Papaya- und Mangobäume mit Teak, Eukalyptus und anderen Bäumen. Insgesamt 83 verschiedene Arten – eine sagenhafte Vielfalt. Manche der Bäume dienen als Bau- und Brennholz, andere als Nahrungsquelle und wiederum andere helfen, den Nährstoffhaushalt des Bodens zu verbessern. Im Baumschatten gedeihen niedrige Sträucher, Kräuter und Gemüse besser als in offenen Kulturen. 
Für Maria und Luis bedeutet die Agroforstwirtschaft ein Zusatzeinkommen von 90 bis 150 Euro pro Monat. Das durchschnittliche Monatseinkommen eines Brasilianers liegt bei rund 750 Euro.

In ganz anderen Kategorien wird am nächsten Ziel der Autoren gerechnet. Im Ort Juruena, zwei Tagesreisen entfernt, weiden 9.000 weiße Nelore-Rinder. Die Kälber sind die Haupteinnahmequelle der Rinderfarm São Marcelo, ihr Verkaufswert beträgt 1,6 Millionen Euro pro Jahr. 
Zitat: Die Rinder können sich mit ihren Kälbern auf ausgedehnten Weideflächen frei bewegen und werden artgerecht gehalten. Die Landschaft ist ausgesprochen schön, abwechslungsreich, hügelig und fruchtbar. Wir sehen viele Wildtiere und die Papageien kreischen laut. Nur das Wissen darum, dass es sich hier um einen Teil des Amazonasgebiets handelt, trübt unsere Begeisterung und stellt inmitten dieser landschaftlichen Schönheit einen Wermutstropfen dar. 
Auch wenn ein Teil des Waldes auf dem Gebiet der Rinderfarm durch ein Waldgesetz geschützt ist, heißt das nicht, dass nicht weiter gerodet wird. Das Land ist groß, die Politik fern, die Kontrolleure kommen nur selten in diese abgelegenen Winkel und so hält sich nicht jeder strikt an das Gesetz. Außerdem wollen die Züchter die Anzahl der Rinder pro Hektar verdoppeln. Und ist das Land erst einmal gerodet, führt meist kein Weg zurück. Noch gibt es wenige Anreize für Landwirte, ihr Produktionsverhalten zu ändern.

Ähnliche negative Erfahrungen wie in Brasilien machten die Autoren an ihren anderen Reisezielen. Aber es gibt eben auch die positiven Beispiele, und so sind beide überzeugt: Eine nachhaltige und naturverträglichere Landwirtschaft ist möglich. Dazu brauche es aber nicht nur den Mut einzelner Landwirte, sondern auch sinnvolle gesetzliche Bestimmungen, die Politik ist also gefragt. 
Zitat: Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir eine wachsende Weltbevölkerung ernähren können – das können wir -, sondern wie. Und bei diesem Wie geht es einerseits um die eingesetzte Technologie, aber mindestens ebenso sehr um Wirtschaftlichkeit und die sozialen Umstände.

Foodmonopoly ist ein interessantes Buch, mit vielen Facetten und unterschiedlichen Sichtweisen. Es zeigt, wo und wie unser Essen produziert wird. Es verurteilt nicht und ist frei von Ideologie. Und so wirken die im letzten Kapitel vorgestellten Zukunfts-Visionen von ökologischer Landwirtschaft und biologischer Vielfalt zwar ein wenig verträumt, geben aber dennoch Anlass zu Hoffnung.

Ann-Helen Meyer von Bremen & Gunnar Rundgren Foodmonopoly. Das riskante Spiel mit billigem Essen. Aus dem Schwedischen von Nina Hoyer (oekom Verlag, 2014).

Freitag, 3. Oktober 2014

Gebrauchsanweisung für Finnland.

Kontext,  3.Oktober 2014

Der deutsche Autor und Journalist Roman Schatz lebt seit fast 30 Jahren in Finnland. In seiner Gebrauchsanweisung für Finnland erklärt er seine Wahlheimat, deren Bildungssystem Weltspitze ist und deren Sprache kein Geschlecht und keine Zukunft kennt.

Egal, wann man vorhat Finnland zu besuchen, die Chance, an einem Beflaggungstag dort zu sein, ist groß. Beflaggt wird gerne und oft, am Tag der Kriegsveteranen, am Tag der finnischen Sprache, am Tag des Gedichts, am Tag der finnischen Literatur, am Tag des Nationaldichters Johan Ludvig Runeberg und am Vatertag. 
Zitat: Eines haben die meisten Finninnen und Finnen gemeinsam ... egal, ob sie jung oder alt sind, Rechtskonservative oder Ökorevolutionäre, Feministinnen oder Patriarchen, Bauern oder Professorinnen, religiöse Pietisten oder linientreue Kommunisten: Sie sind fast alle wirklich gerne Finnen und sind, jede und jeder auf eigene Art, mächtig stolz darauf, diesem exotischen kleinen Volk anzugehören.
Schatz sucht nach Erklärungen für dieses Nationalbewusstsein, diesen exzessiven Patriotismus. Und er findet mögliche Antworten in der Geschichte: Denn noch immer ist nicht völlig erforscht, woher die Finnen kamen. Und in ihrer jüngeren Geschichte wurden sie lange Zeit von Schweden und Russland dominiert. Erst 1917 erlangte das damalige russische Großfürstentum die Unabhängigkeit, zwei Jahre später kam es zu Gründung der Republik Finnland. Eine junge Republik am Rande Europas mit großem Selbstbewusstsein.

Was macht dieses Land aus? Eine Landschaft, geprägt von Seen, Inseln und Wäldern. Die Hauptstadt Helsinki. Bedächtige und sanftmütige Menschen, der Großteil von ihnen blond. Dunkelrote Holzhäuser mit weißen Kanten und einem Garten rundherum - und einem Saunahäuschen. 
Zitat: Über die Einhaltung der traditionellen Saunabräuche wacht in jeder Sauna der dort wohnende unsichtbare saunatonttu, ein Saunawichtel, mit dem man sich gut stellen sollte, wenn man nicht allerlei unangenehmem Schabernack zum Opfer fallen will. Vor allem das Fluchen sollte man in der Sauna tunlichst vermeiden. (…) Der Saunawichtel hat nur ein Auge und ist pechschwarz, denn seine Ursprünge hat er in der Rauchsauna, der urtümlichsten Version des Schwitzkastens, die man heutzutage fast nur noch in Heimatmuseen ausprobieren kann.

Neben der Sauna ist auch der Tango etwas ganz speziell Finnisches. Nachweislich wurde erstmals im Jahr 1913 Tango gespielt, hat der Autor Roman Schatz recherchiert. Es gibt ein Tangofestival, ein Tangokönig und eine Tangokönigin werden dort gewählt. Bei Tanzabenden kommen sich die Menschen näher, beliebt ist etwa der Tango namens "Satumaa", übersetzt heißt das "Märchenland". 
Zitat: Die Regeln dieser Tanzabende sind jedem bekannt: Man kleidet sich sauber und adrett, setzt seinen besten Benimm auf und wird zum Kavalier oder zur Dame alter Schule. Die Männer entfernen Schlüssel, Telefone und andere harte Gegenstände aus ihren Hosentaschen, die Frauen sammeln ihre Handtaschen am Rand der Tanzfläche, und dann kann's losgehen.

Wohlgemerkt: Finnland ist teuer. Lebensmittel kosten oft doppelt so viel wie bei uns, vom Alkohol ganz zu schweigen. Schwach alkoholische Getränke kann man in Supermärkten kaufen, starke allerdings nur in Geschäften mit dem wenig originellen Namen "Alko". Seit 1932 gibt es diese Monopolgesellschaft. Und neben dem Genuss von Alkohol sind die Finnen auch Weltmeister im Kaffeetrinken. 
Zitat: In diesem Land geschieht nichts ohne Kaffee. Ob erster Flirt, Hochzeit, Taufe, Schulabschlussfeier, Beerdigung oder Testamentseröffnung - immer und überall gehört Kaffee dazu. Während der ersten Jahre in Finnland wunderte ich mich über eine bestimmte Art von Annoncen in Finnlands Tageszeitungen, dauernd war da die Rede vom "Nachmittagskaffee" in charmanter Gesellschaft. Ein Freund klärte mich schließlich darüber auf, dass Werbung für Prostitution verboten und der Nachmittagskaffee ein Synonym für ein gebührenpflichtiges Schäferstündchen sei.

Was die finnische Küche angeht, zeigt sich Roman Schatz wenig enthusiastisch. Auf den Tisch kommen Fisch und Rentier, dazu Beeren und Pilze. Es gibt den Brotklassiker, das Lochbrot, von dem böse Zungen behaupten, das Loch in der Mitte sei das Beste am Brot. Dafür hat Finnland in Sachen Sport viel zu bieten: die Skispringer Matti Nykänen und Janne Ahonen oder den Formel-1-Fahrer Kimi Räikkönen.
In der Kunst sind vor allem zwei Namen international bekannt: der Filmregisseur Aki Kaurismäki und der Architekt Alvar Aalto. Seit den 1950er Jahren ist auch finnisches Design zu einer Marke geworden, heute findet man in einem Helsinkier Viertel an fast jeder Ecke Designgeschäfte.

Roman Schatz ist ein neugieriger Beobachter, mit Witz und Ironie beschreibt er seine Landsleute. Wer vorhat, nach Finnland zu reisen, findet wertvolle Tipps, wer schon einmal dort war, dem werden im Nachhinein viele Eigenarten klar. Da Roman Schatz selbst Deutscher ist, vergleicht er die finnischen Marotten oft mit den deutschen Gepflogenheiten, das ist für einen österreichischen Leser manchmal etwas platt, an anderer Stelle aber unschlagbar komisch. Wie das Kapitel über den Besuch einer finnischen Sauna in Deutschland, der zum Desaster gerät, da sehr unterschiedliche Mentalitäten aufeinandertreffen: Der Wahlfinne und seine Kinder ergreifen schließlich fluchend die Flucht.
Das Buch macht Lust auf eine Reise nach Finnland, und wie heißt doch in einem finnischen Sprichwort: "Das Haus lebt seine Weise. Besucher stören dabei nicht."



Roman Schatz, Gebrauchsanweisung für Finnland, Piper Verlag 2014

Samstag, 27. September 2014

Dienstag, 23. September 2014

Aristides de Sousa Mendes - Der ungehorsame Konsul.


Dimensionen, 23. September 2014

Werner Hanak, Jüdisches Museum Wien: "Ich würde sagen, wenige Leute kennen ihn. Wir haben ja jetzt eine Promenade in Wien, die hat, glaube ich, keinen Eingang, das heißt, es wird nie jemand einen Brief dorthin schicken, aber es schickt sowieso niemand mehr einen Brief. Aber es ist natürlich toll, dass es diesen Weg, diese Promenade bei der UNO-City gibt. Es ist auch passend, weil er ein Diplomat, und zwar ein sehr vorbildlicher Diplomat war, einer, der auch aus eigenem Gewissen heraus gehandelt hat."

António Sousa Mendes: "Für mich als Kind war er ein liebenswerter Mensch. Das ist es ja, was Kinder wollen: dass die Erwachsenen, in diesem Fall eben mein Großvater, ihre Freunde sind und mit ihnen spielen. Ich glaube, wenn jemand so ein schweres Leben hat, dann hilft es ihm sehr, wenn er lacht. Viele Menschen können über sich selbst lachen, und auch er konnte das auch."

Der Portugiese Aristides de Sousa Mendes rettete im Jahr 1940 Tausende NS-Flüchtlinge. Als Generalkonsul von Bordeaux in Frankreich setzte er sich über den Befehl des portugiesischen Diktators António de Oliveira Salazar hinweg und stellte den Menschen Visa für Portugal aus. Für seinen Ungehorsam wurde er hart bestraft: seine Familie wurde in Portugal geächtet, Aristides de Sousa Mendes starb in Armut. Wer war dieser Mensch und warum handelte er so?

Die Reise in die Vergangenheit beginnt in Portugal, in Cabanas de Viriato, einem kleinen Ort irgendwo zwischen der Universitätsstadt Coimbra und der Hafenstadt Porto im Norden des Landes. Am Gartentor erwartet mich Luis Fidalgo von der Sousa Mendes Stiftung. Das Anwesen der Familie Sousa Mendes liegt malerisch zwischen sanften Hügeln mit üppiger Vegetation, Feldern und Äckern. Das Haus namens Casa do Passal ist ein breites einstöckiges Haus mit hohem Dach. Ein Kreuz an der Straßenecke und eine Christusstatue im Garten weisen auf die katholische Gesinnung der ehemaligen Bewohner hin, der weithin sichtbare Wetterhahn am Dach dreht sich im lebhaften Wind. Früher mag es herrschaftlich gewesen sein, heute ist das Haus verfallen, das Dach ist eingesunken, überall Glasscherben, kaum eine Tür ist intakt, die geschwungene Stiege in den ersten Stock in Trümmern, im Innenraum nur Schutt.

Luis Fidalgo: "Das alles sind Dinge, die hier bleiben sollten, sie gehören hier her. Dieser Schubladengriff aus Keramik zum Beispiel. All diese Dinge machen ja dieses Haus aus ... wie diese Schließe aus Metall."
In der Küche gibt es noch den alten Ofen, in dem für die vierzehnköpfige Familie Brot gebacken wurde. Und Luis Fidalgo findet im Schutt noch etwas anderes:
"Das ist eine Tonvase, die war Teil der Fassade. Wir müssen aufpassen, dass diese Dinge nicht verschwinden. Ich verstecke sie hier hinterm Ofen, dann geht sie nicht verloren."
60 Jahre nach dem Tod des Hausherrn Aristides de Sousa Mendes haben Bauarbeiten begonnen. Das Haus soll eine Art Museum werden, ein Ort für die Erinnerung und gegen das Vergessen, erzählt Luis Fidalgo:

"Nach so vielen Jahren - wir planen die Renovierung schon ewig - ist es endlich soweit. Als ich hier den ersten Kran gesehen habe, war ich so glücklich. Wahnsinn! Endlich! Ich war doch noch jung gewesen, als wir begannen, uns mit dem Haus zu beschäftigen, und heute bin ich 56 Jahre alt. Noch ist nicht viel passiert, aber besser spät als nie, nicht wahr? Ganz langsam geht hier endlich etwas weiter, das macht mich sehr froh. Hier sollen Menschen herkommen und sie sollen berührt werden. Denn es gab einen Portugiesen, der zufällig hier aus diesem Ort kam, damals war es ja ein kleines Dorf, und der hat sich mutig den Gesetzen entgegengestellt und dafür immense Opfer gebracht. Das ist, so meine ich, das Ziel und die Intention dieses Hauses."

Aristides de Sousa Mendes wurde 1885 in Cabanas de Viriato in eine katholische Aristokraten-Familie geboren. Er studierte Rechtswissenschaften, heiratete seine Cousine Angelina, mit der er im Laufe der Ehe 14 Kinder bekommen sollte und trat bald seinen Dienst als Diplomat an, wurde Konsul zweiter Klasse in Britisch-Guayana und ging ein Jahr darauf nach Sansibar. Später war er Konsul in San Francisco und Brasilien, 1926 kehrte er nach Portugal zurück. 1929 wurde er Generalkonsul in Antwerpen in Belgien und wechselte 1938 nach Frankreich ans Konsulat von Bordeaux.

Die politische Situation in Europa war damals bereits mehr als angespannt - 1938 kam es zum  Anschluss Österreichs, zur Reichsprogromnacht, zu ersten Vertreibungen der jüdischen Bevölkerung. Die Historikerin Irene Pimentel aus Lissabon hat sich mit der Rolle Portugals vor dem und während des Zweiten Weltkrieges beschäftigt:
"Rundherum schlossen alle Länder ihre Grenzen und Portugal unterschied sich da nicht besonders von den anderen. Ich bin der Meinung, Portugal tat einfach das, was die anderen taten. Es gab ja dieses Gesetz für die limitierte Einreise nach Schweden, das Portugal im Jahr 1938 praktisch kopierte. Und damals, so glaube ich, sprach man erstmals das so genannte Judenproblem an. Das heißt: Auch wenn es keinen Antisemitismus in der Ideologie Salazars gab - und ich glaube, dass es keinen gab - wusste man natürlich dennoch genau, dass die Menschen, die auf der Flucht waren, größtenteils Juden waren. Und das nutzten natürlich auch Hitler und den Nationalsozialisten, weil sie wussten, dass niemand diesen Menschen helfen oder ihnen Zuflucht gewähren würde."
 

copyright: Fundação Aristides de Sousa Mendes


Wenige Monate später, am 1. September 1939 begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Europa brach auseinander. Doch wo stand Portugal? Gleich zu Beginn erklärte es sich neutral, so konnte es die gegensätzlichen Interessen der Krieg führenden Parteien zum eigenen Vorteil nutzen. Das portugiesische Regime lieferte Güter wie Wolfram, Schuhe oder Öle an beide Seiten und ließ die Propaganda sowohl der Achsenmächte als auch der Alliierten zu. Diktator António de Oliveira Salazar regierte autoritär, schränkte die Meinungsfreiheit in seinem Land massiv ein und ließ Andersdenkende durch die politische Polizei verfolgen, eine Mobilisierung der Massen oder einen Personenkult nach dem Vorbild Hitlers lehnte er jedoch strikt ab. Und in der Flüchtlingsfrage stellte sich Portugal als reines Transitland dar, erläutert der in Lissabon lebende Historiker Ansgar Schaefer:

"Die Idee von Portugal war immer, sich möglichst versteckt zu halten, wollen wir es mal so sehen. Dass also die Weltöffentlichkeit gar nichts von dem Land bemerkt, so dass es gar nicht dazu kommen kann, dass die Leute, also die Flüchtlinge, sich entscheiden könnten, nach Portugal zu gehen."
Und die Menschen, die sich doch für Portugal als Exilland entschieden, sollten nur kurz im Land bleiben und schnell wieder verschwinden:

"Natürlich ist in der aktuellen Situation damals, also im September 39, jedes Land, das auch nur einen kurzfristigen Aufenthalt gewähren würde, ein Art Paradies. Man musste also versuchen, aus der Hölle zu entkommen, und dann ist es natürlich so gewesen, dass gerade wegen dieser Situation - dass Portugal selbst als Transitland attraktiv war und eine temporäre Zuflucht bieten würde -, dass da der portugiesische Staat natürlich wiederum reagierte und dadurch, dass er die Einreisebeschränkungen auf die Leute reduzierte, die erstens die Garantie gaben, dass sie ausreisen konnten und wenige Monate später tatsächlich auch im Besitz einer Schiffspassage sein mussten, dadurch war natürlich der Kreis der in Frage kommenden Personen minimal."



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Fundação Aristides de Sousa Mendes

Außerdem stellte Diktator Salazar im so genannten Circular Catorze, dem 14. Rundschreiben an alle Diplomaten, klar, dass vertriebenen Juden keine Visa mehr ausgestellt werden durften. In Bordeaux widersetzte sich Generalkonsul Aristides de Sousa Mendes bereits 1939 diesem Befehl und stellte dem jüdischen Professor Arnold Wiznitzer aus Wien ein Visum aus, die Bitte um Autorisierung telegrafierte Sousa Mendes erst danach nach Lissabon. Der negative Entscheid kam zu spät, die Wiznitzers hatten die Grenze bereits überschritten, erzählt Werner Hanak vom Jüdischen Museum in Wien:

"Das ist, soviel ich weiß, der erste Fall, der sozusagen bis nach Lissabon gegangen ist, wo er dann auch vom Ministerium verwarnt wurde, eben solche Visa auszugeben. Er hat sich dann gerechtfertigt, er hat gesagt: I considered it a duty of elementary humanity to prevent such a calamity. Es ist sehr berührend, wie er da einfach sehr menschlich argumentiert. Das war für ihn selbstverständlich, das so zu machen."

Am 14. Juni 1940 kapituliert Paris. In Bordeaux verschärft sich die Flüchtlingssituation. Täglich kommen Hunderte Menschen in die Stadt, alle wollen weg aus Frankreich. Alle wollen ein Visum für Portugal. Friedrich Torberg, der Österreich 1938 über Zürich und Paris verlassen hatte und in Bordeaux auf ein Visum wartete, schreibt später in seinem Buch "Eine tolle, tolle Zeit":
Zitat: Dieses Bordeaux war nicht der erschütterndste, aber unbedingt der unheimlichste Anblick und Eindruck, von allen, die ich hatte. Die Bevölkerung hatte sich mindestens vervierfacht, die Fahrbahnen waren von Autos, die Trottoirs von Menschen verstopft, Leute kampierten und schliefen auf offener Straße - und trotzdem wickelte sich ein überdimensional geregeltes Leben ab.
Generalkonsul Aristides de Sousa Mendes ist beim Anblick der Menschenmassen vor den Türen des Konsulats hin und hergerissen. Wem sollte er gehorchen? Dem Staat oder seinem Gewissen? Er war ja schon zuvor zurechtgewiesen worden, und musste mit Konsequenzen rechnen. Der Enkelsohn António de Sousa Mendes erzählt:

"Es gibt keine höhere Autorität als die Gottes. Gott steht immer an höchster Stelle. Er musste also auf sein Gewissen hören. Und daher entschied er sich drei Tage nach dem Einmarsch in Paris, dem Diktator nicht zu gehorchen."
Am 17. Juni öffnet Aristides de Sousa Mendes die Türen des Konsulats und gibt seinen Mitarbeitern die Order, ab sofort jedem ein Visum auszustellen, der eines benötigte:

"Es waren Visa für alle, vollkommen unabhängig von Abstammung, Nationalität oder Religion. Er hatte allen die Türe aufgemacht."
Der Konsul berät sich mit seiner Frau Angelina, hat ihre volle Unterstützung. Dann arbeitet er gemeinsam mit zwei seiner Söhne, einem befreundeten Rabbi und allen Mitarbeitern unermüdlich:

"Füllfeder, Stempel und Papier - mehr brauchte er nicht. Damals gab es ja Leute, die hatten keinen Pass. Wer denkt schon an seinen Pass, wenn er aus seinem Haus fliehen muss."
Für eine genaue Katalogisierung ist keine Zeit:

"Ab dem 17. Juni wurden ja die meisten Visa ausgestellt. Und ab diesem Zeitpunkt waren die Visa kostenlos. Und das sage nicht nur ich, das ist durch andere Quellen belegt, sie waren kostenlos. Dieser Aspekt ist sehr wichtig."
Aristides de Sousa Mendes weiß, dass die Zeit knapp ist, bald wird Lissabon von seinen Aktivitäten erfahren und ihn abberufen. Er isst kaum, schläft nur wenige Stunden. Er fährt von Bordeaux nach Bayonne und stellt auch dort Visa aus. Weiter geht es an die Grenze. "Mein Ziel war es, alle zu retten", sollte er später in seinem Verteidigungsschreiben anmerken. In seinem eigenen Auto, das für seine große Familie zu einem Kleinbus ausgebaut worden war, bringt er Flüchtlinge über die Grenze, erzählt António de Sousa Mendes:
"Er hatte einen Text auf Französisch aufgesetzt, in dem es hießt: die portugiesischen Behörden bitten die spanischen Behörden den Überbringer dieses Papiers, dieses Dokuments, passieren zu lassen, weil es sich um einen Kriegsflüchtling handelt, der sich auf dem Weg nach Portugal befindet."

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Fundação Aristides de Sousa Mendes


Am 26. Juni ist alles vorbei. Frankreich hat den Waffenstillstand unterzeichnet, die Deutschen sind in Bordeaux. Der Großteil der Flüchtlinge hat es noch außer Landes geschafft. Am 4. Juli wird Aristides de Sousa Mendes nach Lissabon beordert und wegen vorsätzlichen Ungehorsams und Amtsverletzung angeklagt. Ein langer Rechtsstreit um Sousa Mendes beginnt, sagt der Historiker Ansgar Schaefer:

"Sowohl seitens der Anklage als auch seitens der Verteidigung hatte man versucht darauf zu plädieren, dass Sousa Mendes in dem Moment, in dem er diese Visa erteilte, tatsächlich geistig nicht zurechnungsfähig war. Und Sousa Mendes selbst hat gesagt, dass er aus rein humanitären Gründen gehandelt hat, die sich über alle Gründe stellen, die man mit Staatsräson oder mit Anweisungen oder mit Befehlen vergleichen könnte. Er hat sich total abgesetzt von dem, was alle anderen sagten. Er selbst hat wirklich seine Position angenommen und ist bewusst das Risiko eingegangen, dass ihm tatsächlich das passieren würde, was ihm dann ja auch passiert ist. Meines Erachtens ist das ein entscheidender Schritt hier. Selbst noch einmal zu erklären: es gibt einfach Dinge, die über alles andere gestellt werden müssen."
Und seine Kollegin Irene Pimentel fügt hinzu:
"Seine Argumente sind sehr interessant, denn einerseits stützt er sich auf die portugiesische Verfassung von 1933, die besagt, dass niemand aufgrund seiner Abstammung, Religion oder Geschlecht verfolgt werden dürfe. Und andererseits bezieht er sich auf die Inquisition und die Verantwortung Portugals in Bezug auf die damalige Verfolgung der Juden. Sousa Mendes war der Meinung - und er ist nicht der einzige Diplomat, der das sagte, aber er sagte es nicht nur, sondern tat es -, nämlich, dass nun der Zeitpunkt gekommen wäre und Portugal wiedergutmachen könnte, was damals im 16. und 17. Jahrhundert passiert war, also die erzwungenen Konversionen, die Vertreibung und so weiter."
Doch Diktator Salazar bleibt hart, kein einziges Mal reagiert er auf die Ansuchen Sousa Mendes um ein persönliches Gespräch. Der ungehorsame Konsul wird in den vorzeitigen Ruhestand geschickt, das stark gekürzte Gehalt kommt monatelang unregelmäßig oder gar nicht. Die Familie Sousa Mendes wird in Portugal geächtet. Fast alle Kinder verlassen das Land, suchen ihr Glück in Belgien oder den USA. Teile des Familienbesitzes werden verkauft, das Haus in Cabanas verfällt. Nach Kriegsende brüstet sich Diktator Salazar damit, alles für die Kriegsflüchtlinge getan zu haben, Sousa Mendes erwähnt er nicht. Enkelsohn António, Mitglied der portugiesischen Sousa Mendes Stiftung meint:

"Wer die Apokalypse gesehen hat, für den relativiert sich alles andere."

Heute ist Aristides de Sousa Mendes in Portugal bekannt. Doch er ist nicht unumstritten: Zu lange lebte das Land unter einer Diktatur, absoluter Gehorsam war und ist für viele noch immer selbstverständlich. Die Historikerin Irene Pimentel und ihr Kollege Ansgar Schaefer setzen sich dafür ein, dass Sousa Mendes Handlungen anerkannt werden:

"Historiker dürfen nicht werten, aber ich gehe oft in Schulen und da sage ich dann Folgendes: Ich mag das Wort Held nicht, aber das Wort ist nun einmal da, um benutzt zu werden. Und die Jugendlichen verstehen, was ich damit sagen will. Er ist einer der Helden Portugals, ein ganz normaler Mann, der im richtigen Moment zwischen Gut und Böse entscheiden musste, diese grundlegende Frage also, und der das Gute wählte und Menschen rettete. Diese Eigenschaft ist es, die uns interessiert. Er ist ein Vorbild: Unter bestimmten schwierigen Umständen, die sich vielleicht wiederholen, sollten wir uns an ihn erinnern und wie er handeln. Manchmal müssen wir uns widersetzen."
"Die zentrale Thematik ist die interessanteste hier: Die Entscheidung zwischen Gewissen und Gehorsam. Und dass man eben in ganz gewissen Situationen, in Extremsituationen, das eigene Gewissen wählt und nicht den Gehorsam, der viel leichter ist. Es gibt nichts Leichteres als sich nachher zu verstecken hinter Befehlen. Und das ist natürlich, meines Erachtens, eine Entscheidung, die ihn tatsächlich aus dem nationalen Kontext heraushebt und praktisch zu einer universalen Figur, einer universalen Berühmtheit hervorheben müsste. Und er hat das aus eigener und individueller Überzeugung und Entscheidung getan. Und deshalb setzt er eigentlich ein Exempel, ein Exempel, das eigentlich überragend ist, für alle Zeiten, würde ich sagen."

Der Großteil der Menschen, die von Aristides de Sousa Mendes gerettet wurden, waren politisch Vertriebene und Juden. Sie kamen aus Belgien, Polen und viele aus Österreich. Zum Beispiel die Familie Zwiebel, Herbert und Anna Blaukopf, Hermann Klopper oder Jolanda und Eugenie Zahlmann. Es finden sich auch einige prominente Namen: Der Schriftsteller Friedrich Torberg bekam das Visum lautend auf seinen Taufnamen Friedrich Kantor am 19. Juni 1940. Gemeinsam mit dem Drehbuchautor Otto Eisler schaffte er es bis Lissabon und von dort in die USA. Die von den Nationalsozialisten per Steckbrief gesuchte ehemalige österreichische Kaiserfamilie Habsburg konnte mit den von Sousa Mendes ausgestellten Visa Frankreich verlassen. Der 28-jährige Kronprinz Otto reiste unter dem Namen Otto Bar, bei ihm waren alle sieben Geschwister, seine Mutter Zita von Bourbon-Parma, deren Mutter Antónia von Braganca und der befreundete Graf Heinrich Degenfeld. Noch im Juli 1940 reisten sie weiter in die USA. In einem Dankesschreiben aus dem Jahr 1968 an Joana Mendes, eine Tochter des Konsuls, heißt es:
Zitat: [...]Otto of Habsburg will forever be deeply grateful to your father for the noble way in which he had also helped, in this dangerous moment, him and his entire family by giving them immediately the necessary visas for Portugal [...].
Auch der spanische Künstler Salvador Dalí und seine Frau Gala, die Spanien wegen des Bürgerkriegs 1936 verlassen hatten, bekamen am 20. Juni 1940 Visa für Portugal und reisten von dort in die Vereinigten Staaten.

Für wenige Monate wurde Lissabon zum Zentrum für Flüchtlinge aus ganz Europa. Sie warteten auf einen Platz auf einem der Schiffe, wollten weiter nach Brasilien, Mexiko oder in die USA:

"Der Höhepunkt ist ja praktisch das Jahr 1940. Wir sprechen also doch im Prinzip vor allen Dingen von drei Monaten, vielleicht August, September, Oktober, so in der Art. Da haben wir tatsächlich diese Tausenden von Menschen hier. Das waren nicht nur jüdischen Flüchtlinge, es waren natürlich auch Leute, die kamen einfach, es gab Amerikaner, es gab Engländer, es gab Franzosen, die keine Juden waren. Aber wie gesagt, wir sprechen von drei Monaten in nahezu 30 Jahren."
"Mir gefällt das Bild einer Welle. Die kommt und geht."
Soweit die Historikerin Irene Pimentel und zuvor der Historiker Ansgar Schaefer.

copyright: Fundação Aristides de Sousa Mendes


Wie viele von diesen Menschen tatsächlich von Aristides de Sousa Mendes gerettet wurden, ist umstritten, Historiker sprechen von bis zu 30.000, davon 10.000 Juden, sagt Werner Hanak vom Jüdischen Museum in Wien:
"Glücklicherweise hat er ja sozusagen die Pässe gestempelt und die Visas (sic!) gestempelt und nicht darüber Buch geführt und die Zeit damit verschwendet Aufzeichnungen zu machen, wer da jetzt was gegeben hat, sondern sozusagen Erste Hilfe geleistet, so dass die Leute so schnell wie möglich weiter können. Deswegen ist da die Aktenlage schwierig."

Aristides de Sousa Mendes starb 1954 nach drei Schlaganfällen in Lissabon. Sein Tod wurde in Portugal zunächst ignoriert, seit den 1960er Jahren gilt er als einer der Gerechten unter den Völkern von Yad Vashem, der Gedenkstätte in Jerusalem, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie wissenschaftlich dokumentiert. Ende der 1980er Jahre wurde Sousa Mendes von der Regierung unter Präsident Mário Soares rehabilitiert. In Wien erinnert die Aristides de Sousa Mendes-Promenade bei der UNO-City an den Portugiesen. Und neben der portugiesischen kümmert sich auch eine US-amerikanische Stiftung um das Andenken, viele Angehörige von Geretteten wurden aufgespürt. Die Geschichten dieser Menschen sind auch die Geschichten von Aristides de Sousa Mendes, sagt Werner Hanak:

"Diese Geschichten leben jetzt auf der Welt weiter, sagen wir es einmal so. Und deswegen glaube ich auch, dass sobald hier mehr über Sousa Mendes gemacht wird und es größere Anlaufstellen gibt, die Geschichten sich auch mehren werden. Das wird sozusagen eine Kommunikationszentrale, und Orte wie ein Haus, in dem er gelebt hat, sind da auch sinnvoll."



copyright: Fundação Aristides de Sousa Mendes

In Cabanas de Viriato, in jenem Ort, der der Familie stets ein Zufluchtsort war, und wo das Anwesen derzeit renoviert wird, grenzt der Friedhof gleich an das Grundstück. Ich gehe den kurzen Weg mit Luis Fidalgo von der Stiftung. Am Grabmal der Familie Sousa Mendes, einem schlichten Mausoleum aus hellem Stein, endet der Spaziergang durch die Vergangenheit:

"Hier, in diesem Sarg liegt Aristides, da in der Mitte. Darunter liegt José Sousa Mendes, das war sein Vater. Die Juden legen immer ein Steinchen auf den Sarg, zu Ehren des Verstorbenen. Sehen Sie dort die Steinchen? Also, das war´s, und das gehört ja dazu, das ist ein Teil des Weges, ein Teil der Geschichte, ein Teil des Lebens. Ja, hier endet alles."


Buchtipps:
Fralon, José-Alain: Der Gerechte von Bordeaux (Deutsch von Manfred Flügge). Urachhaus, 2011
Louro, Sónia: O Cônsul Desobediente (portugiesisch). Saída da Emergência, 2013