Freitag, 22. November 2013

Portugal: Jugend ohne Hoffnung.

Europajournal, 22.11.2013

Portugal leidet weiterhin unter den Folgen der Wirtschaftskrise. Es muss kräftig gespart werden: Pensionen werden gekürzt, Steuern erhöht, zahlreiche Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren. Ein Ende ist nicht in Sicht - die Regierung hat bereits weitere Maßnahmen angekündigt. Viele Menschen suchen daher im Ausland ihr Glück, sie verlassen Portugal und arbeiten in Großbritannien, Luxemburg oder der Schweiz. Und die Auswanderer werden immer jünger, und sie sind immer besser ausgebildet. Das kann in einigen Jahren zu ganz neuen Problemen im Land führen.

Es ist ein sonniger Novembertag in der nordportugiesischen Stadt Porto, die Studenten der geisteswissenschaftlichen Fakultät nutzen die freie Zeit zwischen den Vorlesungen und sitzen in den Parks, lernen, plaudern, diskutieren. Doch die Idylle an der Universität wird für die meisten nach dem Abschluss ihres Studiums jäh beendet werden, ein kalter Gegenwind wird ihnen am Arbeitsmarkt entgegen wehen. Derzeit liegt die Zahl der Arbeitslosen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren in dem kleinen Land im Westen Europas bei rund 36 Prozent. Viele Studenten überlegen daher bereits, bevor sie zu studieren beginnen, wo sie später einmal arbeiten werden. Martina ist neunzehn Jahre alt und erst am Beginn ihres Studiums, doch sie glaubt, dass es schwierig werden wird, einen Job zu finden: "Ich glaube, dass es eines der größten Probleme dieses Landes ist, dass die jungen Leute zuerst etwas studieren und dann gibt es in dem Bereich, den sie studiert haben, einfach zu wenige Möglichkeiten. Also: Den Jungen werden tolle Studien angeboten und dann kommen sie in ihrem Bereich einfach nicht weiter."
 Auch der einundzwanzigjährige Tiago glaubt nicht, dass er später in Portugal einen Job finden wird: 
"Viele denken daran, von hier wegzugehen. Aber in anderen europäischen Ländern ist es auch nicht viel besser, ich gehe vielleicht nach Amerika." 
Ist es nicht traurig, dass so viele junge Menschen fortgehen, frage ich ihn. 
"Ganz genau: es ist traurig. Vor allem weil es auch so schon wenige junge Menschen hier gibt. Sie verlassen die Familie, die Freunde... aber so ist es eben."

Ortswechsel in die Hauptstadt Lissabon. Tatiana Ferreira arbeitet und forscht am sozialwissenschaftlichen Institut der Universität Lissabon. Sie beschäftigt sich mit dem Phänomen der jugendlichen Auswanderung und untersucht, wohin die jungen Menschen gehen und warum. 
"Das hat natürlich mit der Arbeitslosigkeit zu tun, und mit der Krise. Die Menschen werden fast gezwungen auszuwandern, weil sie hier keine Zukunft haben. Auch wenn sie eigentlich nach kurzer Zeit wiederkommen wollen, können sie das nicht, weil es hier keine adäquate Arbeit gibt. Der Wunsch ist da, aber praktisch geht das nicht."

Im Jahr 2012 haben mehr als 121.000 Portugiesinnen und Portugiesen ihr Land verlassen. Die meisten gehen nach Großbritannien, nach Luxemburg, in die Schweiz und Deutschland, und immer mehr zieht es in die ehemaligen Kolonien Angola und Mosambik. Doch die vielen Emigranten werden von den portugiesischen Politikern nur allzu gerne vergessen, zum Beispiel wenn es darum geht, die aktuellen Arbeitslosenzahlen schönzureden. Denn diese sind gerade ganz, ganz leicht gesunken, nämlich um 0.8 Prozentpunkte auf 15,6 Prozent, und die Regierung spricht von Aufschwung und einem Hoffnungsschimmer am portugiesischen Horizont. Dass dem nicht so ist, zeigt ein Blick auf jene Berufe, für die es in Portugal besonders schlecht aussieht. Etwa den der Krankenschwester, sagt die 20-jährige Studentin Marta: 
"Bei Krankenschwestern und sogar in anderen medizinischen Bereichen gehen viele ins Ausland auf der Suche nach besseren Möglichkeiten. Ganz viele Krankenschwestern gehen nach London, dort werden sie besser bezahlt und es gibt auch viel mehr Jobs als hier."

Insgesamt emigrierten im Jahr 2011 rund 16.000 Portugiesen nach Großbritannien, im Vorjahr waren es schon mehr als 20.000. Ein großer Teil arbeitet im Gesundheitsbereich, verdient zwar gut, aber leidet unter jener Sehnsucht nach der Heimat, die typisch ist für die Portugiesen - die saudade, die in so zahlreichen Fadoliedern besungen wird. Doch auch in anderen Berufen, vor allem in künstlerischen und geisteswissenschaftlichen Bereichen gibt es in Portugal kaum Jobs, sagt Tatiana Ferreira:
"Im Design zum Beispiel oder im Marketing gibt es viele qualifizierte Personen, aber viele Firmen sind noch immer sehr familiär geführt und investieren nicht in diese Bereiche. Das wird durch die Krise noch verschlimmert, weil die Firmen niemanden zusätzlich einstellen, schon gar nicht höher gebildete Personen. Die Krise ist also eine Konsequenz, aber auch ein Grund, und so dreht sich alles im Kreis."

Der Staatssekretär im Außenministerium, José Cesário, empfängt mich in Lissabon im Palácio das necessidades, also dem Palast der Notwendigkeiten, und er betont, die derzeitige Situation sei wenig erfreulich. 
"Das Schwierige ist jetzt, dass wir es schaffen müssen, die Menschen, die wir ausbilden, auch hier zu beschäftigen, damit das Land sie nicht an das Ausland verliert." 
Und auch er glaubt, dass das Problem der Auswanderung auch auf die starren und veralteten Strukturen der portugiesischen Unternehmen zurückzuführen ist: 
"In dem Moment, wenn ein neuer Unternehmergeist in unsere Firmen einzieht, der stärker nach außen gewandt ist, dann wird es auch Möglichkeiten geben, dass die jungen Menschen hierbleiben oder sogar zurückkommen."
Es gibt also noch viel zu tun im Palast der Notwendigkeiten.

Die Soziologin Tatiana Ferreira sieht außerdem noch ganz andere Probleme auf ihr Land zukommen, wenn auch in Zukunft derart viele junge Menschen ihren Lebensmittelpunkt ins Ausland verlegen.
"Das wird sich auch auf die Geburtenrate auswirken. Denn ein großer Teil der Emigranten wird im Ausland eine Familie gründen. Das heißt: In ein paar Jahren werden wir diese Dinge spüren: eine immer ältere Gesellschaft und eine niedrige Geburtenrate. Bereits jetzt gehen die Zahlen zurück und es werden in Portugal immer weniger Kinder geboren."

Was wird die Zukunft bringen? Die Studenten in Porto und Lissabon sind da recht unterschiedlicher Meinung. Tiago etwa befürchtet, dass es immer nur noch schlechter wird. Marta hingegen gibt die Hoffnung nicht auf:
"Ich bin nicht so optimistisch, aber ich glaube, in drei oder vier Jahren kann sich doch etwas verändern, zum Besseren, aber auch zum Schlechteren. Aber ich würde schon gerne hier bleiben!"

Portugal will jedenfalls Mitte 2014 das Rettungsprogramm seiner Euro-Partner in Höhe von 78 Milliarden Euro hinter sich lassen und finanziell wieder auf eigenen Beinen stehen. Doch der Weg zu einem Land, das seinen jungen Menschen wieder eine Zukunft bieten kann, ist noch weit und er bleibt steinig.

Lehrmeister Ratte.

Kontext, 22.11.2013

Ratten sind bei den meisten Menschen nicht besonders beliebt. Sie gelten als schmutzig, leben in der Kanalisation und übertragen jede Menge Krankheiten. Doch die Ratte ist eines der wichtigsten Labortiere und sorgt Jahr für Jahr für Fortschritte und neue Erkenntnisse in zahlreichen wissenschaftlichen Bereichen – von der Medizin über die Biologie bis hin zur Psychologie. Und wir Menschen können von Ratten noch sehr viel mehr lernen, davon ist die Autorin Kelly Lambert in ihrem Buch Lehrmeister Ratte überzeugt.

Seit gut fünfundzwanzig Jahren erforscht Kelly Lambert, Professorin für Psychologie im US-Bundesstaat Virginia, die Hirnfunktionen von Laborratten. Und auch wenn Mensch und Ratte laut einer Studie zu etwa 90 Prozent die gleichen Gene besitzen, war doch die Beziehung zwischen den beiden lange Zeit nicht von besonders großer Zuneigung gekennzeichnet. In die USA kamen die Nagetiere mit Schiffen aus verschiedenen Regionen Europas. 
Zitat: Menschen und Ratten haben viel gemeinsam, schließlich sind beide Opportunisten und Allesfresser. Und die Ratten waren so schlau herauszufinden, dass es überall dort, wo Menschen waren, Nahrung für sie gab - so entwickelte sich eine wunderbare Beziehung. [...] Man nennt sie auch kommensale Säugetiere, das heißt, sie teilen den Tisch mit uns, indem sie sich ihre Nahrung von den Menschen holen, ohne größeren Schaden anzurichten. Unsere Beziehung zu ihnen nahm vor etwa einem Jahrhundert eine neue Wendung, als die Naturwissenschaft sie als Gegenstand ihrer Forschung entdeckte.

Die Forscher erkannten das große Potenzial, das eine Beschäftigung mit diesen Nagern mit sich brachte. Ihre Anpassungsstrategien etwa oder ihr soziales Verhalten. Um Antworten auf ihre Forschungsfragen zu bekommen, stellte Kelly Lambert immer wieder neue Testreihen zusammen und versuchte immer wieder, von den Untersuchungsergebnissen auch Erkenntnisse abzuleiten, die dem Menschen nützen könnten. Die Autorin schätzt bei ihrer Arbeit mit Ratten vor allem deren echtes und unverfälschtes Verhalten. 
Zitat: Meine Nagetiere sagen mir niemals, sie würden den Stoff kennen, aber in Tests eben nie gut abschneiden, sie könnten besser visuell (oder im Falle der Ratten olfaktorisch) lernen oder hätten Prüfungsangst und müssten in einem separaten Raum geprüft werden. Wenn ich mit Ratten arbeite, stelle ich die Frage und bekomme die Antwort. 
Diese gelte es dann zu analysieren und in einen anderen Kontext zu setzen.

Doch dann stehen am Ende wertvolle Erkenntnisse zu Themen wie Gesundheitsvorsorge, Konfliktlösung, Liebesangelegenheiten, Intelligenz oder familiäre Werte. Es geht um Ähnlichkeiten im Essverhalten und die Feststellung, dass Ratten genauso gierig auf Junkfood sind wie Menschen; es geht um Abhängigkeiten, egal ob es sich um Zuckerwasser handelt oder Drogen; es geht darum, was die intensive Fellpflege der Nagetiere mit dem Grad an Intelligenz zu tun hat. Gepflegtes Haar ist, zumindest bei Ratten und Mäusen, ein Anzeichen für geistige Gesundheit, meint die Autorin. Und es geht um Stress. Allerdings gibt es Menschen wie Ratten, die besser damit umgehen können. Tests bestätigen etwa, dass mutige Ratten länger leben. 
Zitat: Die Forschungen deuten also darauf hin, dass Stressreaktionen nicht bei allen gleich ablaufen. Eine Persönlichkeit, die mehr Sinn für Entdeckungen mit sich bringt, ist adaptiver, als wenn man zu schüchtern ist, eine neue Umgebung zu erforschen. Für unser Leben können wir daraus ableiten, dass unsere alltäglichen Stressreaktionen - etwa auf eine neue Kollegin, ein neues Computerprogramm oder eine neue Verkehrsführung - signifikanten Einfluss auf unser Wohlbefinden und unsere Lebenserwartung haben.

Besonders im sozialen Bereich, bei Interaktionen im Miteinander der Rattenfamilie, im Ausfechten von Gebietsansprüchen oder auch in der Manipulation des anderen zum eigenen Vorteil, fand Kelly Lambert zahlreiche Übereinstimmungen zwischen dem Verhalten der Nager und dem der Menschen. 
Zitat: Nachdem ich das erste Mal etwas darüber gelesen hatte, dass Ratten einander mithilfe spielerischer Kämpfe sozial einschätzen, sagt ich zu meinen Studenten, das sei quasi die Rattenvariante des Golfspielens: Zwei miteinander konkurrierende, aber einander halbwegs freundlich gesonnene Kollegen (oder Kolleginnen) verbringen einen Tag zusammen und klopfen den anderen dabei auf Kenntnisse von Firmeninterna ab. Beide Konkurrenten beurteilen Selbstvertrauen, Intelligenz, Engagement und Sportlichkeit des jeweils anderen und haben am Ende die nötigen Informationen, um zu bestimmen, wer in der Rangfolge weiter oben und wer weiter unten steht - alles unter dem Deckmantel des Spiels.

Kelly Lambert ist Forscherin mit Leib und Seele. Sie zitiert Studien, erzählt aus dem universitären Alltag, beschreibt die Testreihen, die in ihrem Labor stattfinden, bis in alle Einzelheiten. Die Erkenntnisse, die sie aus den Versuchen zieht, werden auf alltägliche Situationen umgelegt, oft bezieht Kelly Lambert sich und ihre Familie in diese Betrachtungen ein. Wie etwa bei einer Studie, in der eine Rattengruppe auch dann belohnt wurde, wenn sie eine Aufgabe nicht erledigt hatte. Es ging also ums Verwöhnen. 
Zitat: Die Ergebnisse unserer Rattenstudie machten deutlich, dass unverdiente Belohnungen die Kalkulationen des Gehirns bezüglich Arbeit und Lohn durcheinanderbringen und damit auch die emotionale Resilienz beeinträchtigen. Als mir dies klar wurde, trat die Wissenschaftlerin in mir in den Hintergrund und die Mutter in den Vordergrund. Meines Erachtens ist eine der wichtigsten Lehren, die ich meinen Kindern mit auf den Weg geben muss, das Wissen, dass positiven Konsequenzen stets harte Arbeit vorausgehen muss. Ich sage ihnen immer, dass sie sich nach jedem Fehlschlag wieder aufrappeln und weiter ihre Ziele verfolgen sollen.

Es gibt, so hat man nach der Lektüre des Buches den Eindruck, tatsächlich einiges, was der Mensch vom Lehrmeister Ratte lernen kann. Manches mag banal klingen, etwa: Eine gesunde Lebensweise ist die beste natürliche Medizin oder Psychischer Stress ist schädlich. Dennoch ist es wohl ab und zu gut, das eigene Leben aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Die Begeisterung der Autorin für ihr Forschungsgebiet und dessen Protagonisten macht dieses Buch sympathisch und verschafft auch dem Laien einen oft erstaunten, immer aber interessanten Einblick in die Welt der Forschung.

Kelly G. Lambert: Lehrmeister Ratte (aus dem Englischen übersetzt von Jorunn Wissmann, erschienen bei Springer Spectrum)

Mittwoch, 20. November 2013

Böses Google, arme Literaten?

Dimensionen, 20.11.2013
 
Böses Google, arme Literaten? - Zur Digitalisierung von Literatur. Wie sehr verändern E-Books unser Leseverhalten und welche Folgen hat die ständige kostenfreie Verfügbarkeit rechtefreier Literatur im Internet? Werden die Literaturverlage das Auftreten von Amazon, Apple und Google überleben?

Rüdiger Wischenbart: „Im Zuge der Digitalisierung findet sich die Literatur jetzt Naht an Naht mit Musik, mit Video, mit Spielen, mit Nachrichten, mit allen möglichen digitalisierten Inhalten. Und aufs Erste gibt es da keinen Unterschied, weil alles ist zerlegt in Nullen und Einsen und alles wird über die gleichen Kanäle transportiert und das ist schon eine sehr enge Klammer.“
Christine Grond-Rigler: „Das Lesen hört ja nicht auf, die Produktion von Texten endet nicht, die Literatur endet nicht, sondern es ist eigentlich nur ein zusätzliches Medium dazugekommen. Aber es ist vielleicht eine gute Werbung fürs Lesen, das denke ich mir manchmal, also, es wird grundsätzlich dieses Objekt Buch sehr positiv aufgewertet und das wirkt sich vielleicht auf das Lesen oder auf die Literatur generell positiv aus.“

Das Buch war und ist ein Symbol nicht nur der Literatur, sondern der Bildung und Kultur insgesamt. Jahrhundertelang waren der literarische Text und das Buch als dessen Materialisierung aufs Engste miteinander verbunden. Die Erfindung des Buchdrucks war ein Meilenstein, das kulturelle Erbe der Menschheit konnte auf haltbaren Trägern gespeichert werden und immer mehr Menschen hatten Zugriff auf diese Texte. Christine Grond-Rigler arbeitet an der Donau Universität Krems und hat sich eingehend mit dem Objekt Buch beschäftigt:
„Natürlich ist die Verbreitung der Schrift mit dem Buch verbunden, weil es kein anderes Medium gegeben hat, das dermaßen wirksam war dafür. Also, diese frühen Formen von Schriftträgern wie Pergamentrollen oder Papyrus, das war einerseits handgeschrieben, andererseits waren diese Materialien in der Herstellung relativ aufwendig und teuer und kostbar, deswegen hat das Buch dann als industriell hergestelltes Massenprodukt da natürlich sehr viel beigetragen. Das ist eine Verpackung, die wir gewohnt sind, die es eben seit Hunderten von Jahren gibt, und deswegen ist das auch so schwer, einen Text unabhängig davon zu denken, weil auch vieles von den Inhalten natürlich auch durch die Form geprägt ist, das kann man auch nicht ganz wegdenken. Aber es gibt auch ein Leben außerhalb des Buchs oder unabhängig des Buchs.“

Ein Leben außerhalb - das e-book, die digitale Literatur. Schreckgespenst vieler Autoren, Begleiter des Kosmopoliten, Sargnagel einzelner Verlage, Hoffnungsträger der digitalen Revolution. Doch wenn nun das Buch ebendieser Revolution zum Opfer fallen sollte, geht es dann Kultur und Bildung insgesamt an den Kragen? Nein, sagt Rüdiger Wischenbart vom Institut für Germanistik der Universität Wien:
„Man braucht kein Buch, um die Literatur zu haben. Das wird dann deutlich, wenn man sich ernsthafter überlegt, wann das mit der Literatur angefangen hat und da geht man sehr schnell zweieinhalbtausend Jahre in der europäischen Geschichte zurück an diese Schwelle von der Platon berichtet, wie das Gesprochene zum ersten Mal verschriftlicht worden ist, aufgeschrieben worden ist. Und da gibt es eine wunderbare Stelle bei Plato, wo er den Sokrates sprechen lässt, der eine Diskussion referiert, die uns sehr vertraut ist, nämlich: Was alles verloren geht, wenn man aus der oralen, gesprochenen Literatur übergeht in die Verschriftlichung. Es ginge, sagen die alten Griechen, die Seele der Kultur, der Geist verloren, weil quasi - ich überspitz jetzt ein bisschen - jeder Depp kann sich dann das Geschriebene hernehmen und diese ganze Emphase, der ganze Aufwand, sich das auswendig zu merken, eine lange Geschichte in ihren dramaturgischen Bögen, das zu konstruieren, zu singen, all das geht verloren. Und genau diese Debatte haben wir seit zweieinhalbtausend Jahren in Blaupause jedes Mal aufs Neue, wenn neue mediale Technologien sich verbreiten und das System durcheinander bringen.“

Die Veränderungen durch den digital turn betreffen aber nicht nur das Buch als physisches Medium, sondern auch Bereiche wie Autorenschaft, Verlagswesen und die Öffentlichkeit. Egal ob gedrucktes Buch oder e-book, das geschriebene Wort braucht zu seiner Entfaltung ein ökonomisches System, also den Buchmarkt. Auf der einen Seite finden sich die traditionellen Buchhandlungen, auf der anderen stehen die so genannten global player oder big player: Amazon, Apple und Google. Jeder der drei setzt auf eine andere Strategie. Amazon etwa auf die Vernetzung, sagt Anke Vogel vom Institut für Buchwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz:
„Amazon ist im Bereich der Vernetzung extrem stark, hat in dem Bereich etwas richtig gemacht, was viele im e-commerce erst langsam lernen mussten, beziehungsweise auch in der Buchbranche später langsam lernen mussten. Amazon ist eben konsequent im Internet da hingegangen, wo eben die potenziellen Konsumenten sich auch befinden, das heißt, man hat nicht darauf gewartet, dass alle zu einem auf die Webseite oder in den Webshop kommen, sondern man hat eben versucht, über Partnerprogramme und ähnliches, sich überall dort zu positionieren, wo Konsumenten möglicherweise eben auch zu finden sind. Und man hat dann tatsächlich auch über diese Öffnung hin zum marketplace ganz viele Händler an sich gebunden und hat damit auch eine große Erweiterung des Produkt-Portfolios haben konnen. Man muss also gar nicht mehr alles selber in den eigenen Lagerbeständen im Prinzip führen, sondern konnte da dann auch auf die Lager von anderen Händlern zurückgreifen.“
Gelesen wird das e-book auf einem speziellen Lesegerät, das kann ein Tablet-Computer sein oder ein e-reader. Hier ist Amazon marktführend mit seinem Produkt namens Kindle. Und auch dort wird die Vernetzung konsequent weiter betrieben:
„Man hat im Prinzip so ein ganzes Kindle-Ökosystem eigentlich auch geschaffen. Es gibt dann auch die Kindle-books auf der anderen Seite, wo eben Amazon eben seine digitalen contents vermarktet, die sich tatsächlich auf den Lesegeräten von Amazon darstellen lassen einerseits, oder andererseits eben in den Apps, also in den kleinen Programmen, die Amazon zum Lesen zur Verfügung stellt, wiedergeben lassen. Da versucht man so ein geschlossenes Ökosystem eben zu schaffen, in dem der Kunde nach Möglichkeit verbleiben soll.“
Auch Apple setzt verstärkt auf Apps, jene kleinen Anwendungen für mobile Endgeräte. Google wiederum, das als Suchmaschine zunächst auf dem digitalen Markt einen Sonderstatus einnahm, drängt nun immer stärker auf den Buchmarkt, und das teilweise auf nicht unproblematische Art und Weise:
„Natürlich für die Buchbranche relevant ist dieser Bereich Google-books, wo man ja auf unterschiedlichen Wegen Buch-contents generiert hat, wo man zum einen mit Verlagen zusammenarbeitet in einem Partnerprogramm, also tatsächlich  von Verlagen auch Inhalte bekommt, um tatsächlich auch für diese Verlage ein Stück weit zu werben, auf der anderen Seite hat Google ja auch ein sehr großes Bibliotheksprogramm durchgeführt, wo man in Kooperation mit verschiedenen sehr großen Bibliotheken weltweit Scanprogramme realisiert hat, das heißt, Google hat die entsprechende Technologie und die manpower zur Verfügung gestellt und hat dann Bibliotheksbestände abgescannt, was natürlich bei Büchern, die urheberrechtsfrei sind, zunächst mal recht unproblematisch ist, aber bei Google dann doch relativ viele urheberrechtliche Fragestellungen tangiert hat, weil eben doch Bücher gescannt worden sind, die doch noch dem Urheberrecht unterlegen hätten, eigentlich.“ 

Differenziert sieht der Jurist und Autor Viktor Mayer Schönberger diese Anstrengungen Googles, eine digitale Weltbibliothek erschaffen zu wollen:
„Für mich als Wissenschafter ist es wichtig, dass meine Ideen sich verbreiten. Mir ist es weniger wichtig, wie viel geld ich damit mache. Für andere Autoren mag das anders sein. Aber daraus habe ich schon die Sorge, dass wir beim Versuch, das Urheberrecht zu bewahren und Google die Digitalisierung der Bücher zu verbieten, am Ende ein System haben, in dem die Autoren und deren Rechte zwar geschützt haben, aber ihre Werke nicht ausreichend gelesen werden.“ 

Doch es sind nicht nur die Fragen des Urheberrechts, die in diesem Zusammenhang in Zukunft geklärt und besprochen werden müssen. Literatur zusammenzusammeln und allen Weltbürgern zugänglich zu machen, sei prinzipiell ein hehres Ansinnen, meint der Literaturwissenschaftler und Lektor Wolfgang Straub, eine Herausforderung seien aber die großen Datenmengen:
„Wenn man die Sinnhaftigkeit darin sieht, dass das Buch sozusagen für alle zugänglich ist, sozusagen die Vision habe einer Weltbibliothek, in der alles zugänglich ist überall auf der Welt, das gesamte Wissen der Menschheit - das sind ja Denkbilder, die es immer wieder in der Menschheitsgeschichte gegeben hat seit Jahrtausenden - diese Idee hat schon ihren Reiz. Auch wenn ich jetzt Literaturwissenschaftler bin und einen viel größeren Korpus an Büchern zur Verfügung habe als ich jemals lesen kann, zum Beispiel der Bruder des italienischen Regisseurs Nanni Moretti, Franco Moretti, hat schon vor vielen Jahren angefangen zu sagen: Ich kann Literaturwissenschaftler sein, ohne die Bücher, über die schreibe, jemals geesen zu haben. Die großen Datenmengen sind natürlich auch eine Herausforderung, ich finde sehr vieles, zugleich stellt sich die Frage, wie gehe ich damit um. Ich kann auf alle Literatur zugreifen, aber wer sagt mir denn, ob das gut ist, wer analysiert das Ganze, wie analysiere ich das - das sind schon Fragen, die gerade auch in der Literaturwissenschaft sehr aktuell sind.“ 

Angesprochen wird hier Big Data, es geht um den Umgang mit riesigen Datenmengen im Netz und wie daraus wirtschaftlicher Nutzen geschlagen werden kann. Auch Viktor Mayer Schönberger beschäftigt sich mit Big Data. Er war zunächst von den Möglichkeiten, die sich dadurch dem Autor bieten, verblüfft:
„Amazon hat meinem Co-Autor und mir die Liste der fünf Sätze zur Verfügung gestellt, die Kindle-Nutzerinnen und Nutzer am öftesten unterstreichen aus unserem Buch heraus, und ich muss ehrlich gestehen, dass ich keinen einzigen dieser fünf Sätze vorher gesehen habe. Und das war ein interessantes Feedback, eine interessante Rückkopplung, ein Rückkanal der Leser zu mir als Autor, den ich bisher nicht gehabt habe und da würde ich mir mehr wünschen und da kann Big Data auch mehr bieten.“
Denn diese Informationen können Autoren für ihre Zwecke nutzen:
„Zum ersten, mich mit dem auseinander zu setzen, also mich zu fragen: Was sind das für Sätze? An welcher Stelle treten die auf? An welcher Stelle des Spannungsbogens eines Kapitels und des gesamten Buches treten die auf? Gibt es da so etwas, einen Moment, an dem die Menschen vielleicht Luft holen un ihnen dieser Satz dann besonders in Erinnerung bleibt? Und ich glaube, diese Reflexion ist eine sehr wichtige. Ich glaube nicht, dass ich dann vielleicht ein Buch gänzlich anders schreiben würde, ich glaube nicht an Bücher, die der Leser schreibt und nicht der Autor, aber ich glaube, dass dieser Rückkanal mich sensibilisieren kann für den Rhythmus der Leser und ich da vielleicht ein bisschen dann das im Kopf behalte, wenn ich das nächste Buch schreibe.“ 

Vernetzung - über dieses Wort stolpert jeder, der sich mit der Digitalisierung der Literatur und dem Online-Buchhandel auseinandersetzt. Vernetzung zwischen Leser und Autor, Vernetzung zwischen Händlern und Kunden, Vernetzung zwischen Leser und Leser. Social network wohin man blickt? Christine Grond-Rigler ist skeptisch:
„Ich glaub auch, dass die Vorteile des e-books nicht in der Vernetzung liegen, also nicht in der Vernetzung zwischen Menschen unbedingt, sondern eher in der Vernetzung zwischen Texten und zwischen anderen Büchern, dass man zum Beispiel wenn man einen Text liest, sofort bei einem Wort, das man nicht versteht, nachschlagen kann in einem Lexikon oder in einem Wörterbuch, je nachdem wie man sich das einstellt, oder Wikipedia - je nach Voliebe - nachschauen kann, was das bedeutet. Also das bringt etwas auch fürs Lesen und fürs Verständnis, weils schneller geht. Es macht sich ja nicht jeder immer die Mühe, bei jedem Wort, das er nicht versteht, irgendwo nachzuschlagen. Ich glaube nicht, dass diese Vernetzung, also im Sinne eines social networks da so wichtig ist. Ich glaube, da sind wir vermutlich vernetzt genug - also für mich ist es genug - , aber ich glaube, das ist für die jüngeren Generationen auch wieder total anders, die sehen das anders und die haben dieses Bedürfnis und die gehen auch anders damit um.“ 

Und auch im literarischen Bereich muss man sich dieser neuen Form des schnellen Feedbacks stellen und damit umgehen lernen, sagt Wolfgang Straub:
„Es gibt dann auch eine neue Form von Literaturkritik, es gibt nicht mehr die etablierten Formen im Feuilleton, sondern es gibt dann Literaturplattformen, wo der Leser direkt auf die Literatur, die er liest, antwortet, wo das Ganze, man könnte so sagen, nicht `professionell´ abläuft, dadurch werden diese Dinge wie die `professionelle´ Literaturkritik schon auch hinterfragt und es gibt viele Stimmen, die das auch positiv finden, dass es einen direkteren Umgang gibt mit Literatur. Und da müssen wir uns und die Institutionen, das Feuilleton und so weiter darauf einstellen.“ 

Dennoch: Im deutschsprachigen Verlagswesen rumort es heftig, neue junge rein virtuelle Verlage werden gegründet, Bücher werden nicht mehr gekauft, sondern in der digitalen Wolke, der cloud, ausgeborgt. Doch nicht alle wollen sich dem digitalen Druck beugen, sagt Anke Vogel:
„Die Verlage sehen sich da natürlich auch konfrontiert mit gewissen Forderungen. Es gab einen Streitfall um den Diogenes-Verlag, der irgendwann gesagt hat, wir sind nicht mehr bereit, ganz hohe Rabattforderungen, die Amazon an sie gerichtet hat, mitzugehen, das können wir uns nicht leisten, wir müssen auch irgendwo Geld verdienen. Das hat Amazon damasl beantwortet damit, dass man den Verlag ausgelistet hat aus dem eigenen Sortiment, man konnte die Titel noch über Teilnehmer im marketplace beziehen, aber eben nicht mehr über Amazon direkt. Und das ist für einen Verlag natürlich eine ganz schwierige Situation, wenn so ein hochwichtiger Vertriebskanal wie zum Beispiel Amazon auf einmal wegfällt. Insofern hat Amazon da auch die Möglichkeit ziemlich starken Druck auszuüben.“ 

Der Online-Buchhandel bietet den Autoren und Verlagen jedoch auch Chancen, so bleiben etwa Backlist-Titel, also Bücher, die schon etwas älter sind, weiterhin verfügbar. Im Geschäft um die Ecke sind sie oft nicht mehr erhältlich, online aber schon. Prinzipiell sind den Verlagen, sagt Wolfgang Straub, digitale Arbeitsweisen ja nicht neu:
„Im Verlagswesen ist eigentlich 100%  digital, weil der Verlag selber von A bis Z digital arbeitet - außer, es muss jemanden bei Suhrkamp geben, der die Bleistiftnotizen und Bleistiftmanuskripte von Peter Handke ins Digitale überführt - aber sonst wird im Verlag nur digital gearbeitet bis zum Schluss und dann wird sozusagen analog gedruckt, weil das analoge Drucken gerade bei höheren Auflagen noch billiger ist als der digitale Druck. Für Kleinauflagen ist der Digitaldruck für wissenschaftliche Verlage, für Spezialverlage sehr attaktiv, aber der Verlag ist eigentlich schon seit vielen Jahren, seit dem Desktop-publishing und seit dem Ende des Bleisatzes, eigentlich schon digital.“ 

Noch liegt der Anteil digitaler Bücher zumindest am deutschsprachigen Markt bei unter zehn Prozent. Rüdiger Wischenbart geht davon aus, dass diese Zahl in wenigen Jahren auf das Drei- bis Vierfache steigen wird:
„Für einen Verlag, und vor allem wenn das kein ganz großer Konzernverlag, sondern ein kleiner oder mittelgroßer Verlag, heißt das aber heute die Überfahrt zu schaffen, ohn unterzugehen. Und das ist das Schwierige. Und da schlagen wirklich die Wellen sehr hoch und über Bord grade bei den kleinen Verlagsschiffchen und da werden auch viele untergehen. Wir sehen an unterschiedlichsten Einzelheiten, wie turbulent es zugeht. Wir dürfen eines nicht vergessen: Diese Veränderungen sind für, zumindestens im Moment, für die ganz großen Schiffe, also für die Tanker der Verlagsgeschäfte, für Konzerne wie Random House, leichter zu bewältigen und stellen für die kleinen wirklich Riesenwellengang dar und Gegenwind, und bei dieser Überfahrt, mit wenig Spielraum und wenig Freiheit für Fehler, genau den richtigen Kurs zu finden, das ist verdammt schwierig.“ 

Die, die es dann geschafft haben werden, werden sich im vermeintlich sicheren digitalen Hafen mit neuen Herausforderungen auseinandersetzen müssen. Denn nicht nur die Leseangebote, sondern auch das Leseverhalten hat sich verändert. Gelesen wird vor allem am Computer, aber auch sehr viel auf dem Smartphone. Nur ein kleiner Teil der Leser liest tatsächlich auf einem e-reader, also einem Kindle oder einem Tablet. Konsumiert wird häppchenweise. Mit diesen Phänomenen beschäftigt sich Lukas Heymann vom Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen in Mainz. Vor allem junge Menschen neigen dazu, Bücher querzulesen oder zu überfliegen, sie surfen von hier nach da und folgen Links, die ihnen interessant erscheinen. Dennoch lesen sie ständig irgendwelche Texte - und das vielleicht mehr als ältere Generationen:
„Ein ganz wichtiger Teil der Jugendkultur sind ja zur Zeit die sozialen Netzwerke, Facebook und Co, man kennt sie alle oder man hasst sie, wie auch immer, aber dort findet die Kommunikation auf schriftsprachlicher Basis statt. Die Leute chatten dort untereinander, man schreibt Nachrichten, man postet etwas, das können natürlich auch Bilder und Videos sein, das sind aber auch Kommentare vor allem zum Weltgeschehen, Kommentare zu Internetseiten und Videos und Bildern, und das ist alles eben Text und der muss gelesen und geschrieben werden, sodass Jugendliche häufig, wenn sie in sozialen Netzwerken unterwegs sind, ihre Zeit mit Lesen verbringen. Auch wenn sie sich SMS schreiben oder andere Formen der Kommunikation wählen, dann lesen und schreiben sie.“
Dass junge Menschen aber automatisch zum e-book greifen, ist derzeit nicht der Fall. Ganz im Gegenteil, sagt Rüdiger Wischenbart:
„Was wir sehen bei den Lesenden ist ein sehr deutliches, sich immer sehr ähnlich wiederholendes Muster. Es sind nicht die ganz jungen digitalen Narren, wenn man so will, die als erstes auf das e-book gehen, sondern es sind die stärksten Leser und Leserinnen. Und das heißt also, mehr Frauen als Männer, eher Leute, die so 40 und älter sind - da kommen dann noch ein paar Hilfskniffe durch die Technologie hinzu, ich kann mir die Schrift größer stellen, wenn ich schwächere Augen habe und so - , aber es sind die stärksten Leser. Und die stärksten Leser sind aber auch die, die die gebundenen Ausgaben der höheren Belletristik kaufen, die den Buchmarkt wirklich finanzieren. Und die sind die ersten, weil sie dieses Zeug nicht schleppen wollen, weil sie zehn Titel immer wieder bei sich haben wollen und die haben sie dann bei einem Gerät mit 350 Gramm in der Tasche. Und damit sollten wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass nicht die Literatur zuerst untergeht, sondern durchaus auch neue Blüte zeigt.“ 

Auch wenn sich die Welt, vor allem die digitale Welt in rasendem Tempo verändert, das Buch an sich wird nicht verschwinden. Allerdings, so glaub Christine Grond-Rigler, werden nicht alle Formen des gedruckten Buches überleben:
„Es gibt ja einerseits das Buch als Massenware und da muss man ja sagen, Taschenbücher, die billig hergestellt sind, die sind ja jetzt auch nicht ein Hochgenuss für den Leser, das muss man ja zugeben. Also das ist vielleicht auch nicht unbedingt ein Verlust, wenn man dann so etwas eben auf einem e-reader lesen kann, wo man sich die Schrift so einrichten kann, wie es für die Augen gut ist. Also, es gibt auch hässliche Bücher, das muss man auch einmal sagen, die auch wirklich nur billig erzeugt werden und reine Gebrauchsgegenstände sind. Und ich glaube nicht, dass da irgendjemand besonders sentimentale Gefühle haben muss, wenn die verschwinden oder sich reduzieren. Und dann gibt’s natürlich bibliophile Ausgaben, und in der Form wird die Buchkultur und auch die Buchkunst und die Druckkunst als Kulturtechnik sicher weiterleben. Weil es ja auch diesen Aspekt des Sammelns gibt, eben das Buch als Fetisch, wo man dann einfach schöne Bücher sammeln kann und das macht ja auch nur dort einen Sinn.“
So werde das Buch, sei es nun geduckt oder digital, für einen großen Teil der Leser immer ein Rückzugsort bleiben, davon ist Anke Vogel überzeugt:
„Man muss aktiv selber Text entschlüsseln, in einer Geschwindigkeit, die einem selber angemessen ist, anders als das bei Radio oder Fernsehen der Fall ist, wo man in der Geschwindigkeit konsumieren muss, wie es das Medium eben vorgibt. Das haben wir beim Buch nicht, beim Buch kann ich eben meine Rezeptionsgeschwindigkeit selber steuern und vielleicht ist das ja auch der Punkt, der zur Entspannung beiträgt, dass ich selber bei mir sein kann und das wäre natürlich eine Möglichkeit, dass das Buch im Getöse der anderen Medien doch ein Medium ist, das mir Ruhe bringt, das vielleicht eben auch zur Entschleunigung beitragen kann in unserer Gesellschaft.“
Die Zukunft des Buches ist wohl ein Nebeneinander: das gebundene Buch hat genauso seine Vor- und Nachteile und seine Fans wie die digitalen Lesegeräte und all die anderen Möglichkeiten, sich mit Texten zu beschäftigen. Versuche der Mainzer Stiftung Lesen hätten gezeigt, so erzählt Lukas Heymann, dass, ist die Lesefreude einmal geweckt, dem Lesevergnügen nichts mehr im Wege steht:
„Ein Schüler, der hat in seiner Freizeit Fußball gespielt, der hat den e-reader immer mit auf den Fußballplatz genommen und er war als Tormann in der Mannschaft tätig. Und wenn das Spiel sich gerade auf die andere Seite des Spielfelds verlegt hat, hat er den e-reader genommen und hat gelesen während er im Tor stand. Also, das waren ganz skurrile Geschichten, die uns da erzählt wurden und das waren vor allem Geschichten von denjenigen, die bis dato wenig oder gar nichts mit dem Lesen zu tun hatten. Also, die kann man dann schon herausfordern, motivieren, neue Anreize schaffen zum Buch, beziehungsweise in dem Fall zum e-book zu greifen und ihre Ängste einfach zu überwinden.“
 
Christine Grond-Rigler, Wolfgang Straub (Hg.): Literatur und Digitalisierung (De Gruyter-Verlag)
Viktor Mayer-Schönberger und Kenneth Cukier: Big Data - Die Revolution, die unser Leben verändern wird (Redline Verlag)

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